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Kingshaven-Trilogie


2. Der Zeitungsjunge


1965-11-06
12:00 AM

Nur am Samstag roch es in der gesamten Küche so verführerisch nach frisch gemahlenem Bohnenkaffee, mühevoll ausgepresstem Orangensaft, ofenfrischem Weißbrot, leckerer Konfitüre und knusprig gebratenem Speck. Mom stand an der Spüle und schreckte die letzten steinhart gekochten Eier ab, während in einer zweiten Pfanne frisch zubereiteter Pfannkuchenteig allmählich seine goldbraune Farbe annahm.
Irgendwo in der Nachbarschaft dröhnte lauter Rock 'n' Roll aus dem Radio durch das offene Küchenfenster. Dad saß wie immer frisch rasiert und in seinem besten Anzug am Küchentisch. Er verschwand fast vollständig hinter den aufgeschlagenen Seiten der New York Times, deren einziges Thema zurzeit die Ereignisse in Vietnam zu sein schienen. Er selbst widmete sich gerade den Immobilienanzeigen. Es war immer wichtig, so sein ständiges Mantra, die Konkurrenz im Auge zu behalten. Dad war selbst Immobilienmakler.
Neben der dampfenden Kaffeetasse harrte eine noch aufgerollte und durch die Feuchtigkeit des Rasensprengers aufgeweichte Tageszeitung der Stadt, in der sie seit zwei Jahren lebten, ihrer Bestimmung.
Und dann war da noch ihr neunmalkluger Bruder Richard, der nur ein Jahr älter war als sie, allerdings keine Gelegenheit ausließ, ihr das ständig unter die Nase zu reiben. Im Moment hielt er einen nervenden Vortrag über die schlechte Qualität und den angeblich geringeren Eiweißgehalt von Hühnereiern aus sogenannten Legebatterien, was ihn jedoch nicht davon abhielt, im gleichen Atemzug ein solches Ei mit dem Messer aufzukappen. Weichgekocht natürlich. Immer eine Extrawurst für Richard.
In solchen Momenten wie jetzt fiel es Alexandra schwer, ihren Bruder nicht zu hassen, wenn er mit seinem ohne Zweifel umfangreichen Wissen angab wie ein Rohrspatz mitten in der Balz, doch wen konnte er damit schon beeindrucken? Sie ganz bestimmt nicht.
Einzig die Erkenntnis, dass Richard mit seiner Angeberei sein unattraktives Äußeres (das sich nicht nur auf fettiges Haar, einer Brille mit Kassengestell und Pickel ohne Ende beschränkte) zu kompensieren versuchte, und die damit verbundenen miserablen Chancen bei den Mädchen seiner Klasse, ließ sie die endlosen Vorträge und peinlichen Bemerkungen leichter ertragen.
Mißmutig starrte Alexandra auf die Müslischale vor sich, die mit einem undefinierbarem Gemisch aus verschiedenen Getreidesorten und diversen Trockenobststückchen gefüllt war und ihr „Iss mich!“ zu schreien schien. Mom legte zwar großen Wert auf eine gesunde und ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährung, solange sie selbst sie nicht zu essen brauchte, aber das hier ging nun wirklich zu weit! Sie war doch kein Huhn!
Außerdem hatte sie an diesem Morgen ohnehin keinen Hunger, auch wenn sie sonst kräftig zulangen konnte. Vielleicht würde sie nachher in ihrem Zimmer das Glas mit Gewürzgurken aufmachen, das sie vorsorglich in ihrem Kleiderschrank versteckt hatte. Mit ein wenig Ketchup oder Mayo, am besten beides, schmeckten sie einfach himmlisch. Oder vielleicht auch etwas Schokoladensoße. Dazu würde sie eine Unmenge von Cola trinken, was unweigerlich ihrem ohnehin schon belasteten Teint den Rest geben würde. Und wenn es etwas gab, dass sie noch mehr hasste als ihren neunmalklugen Bruder, dann waren das Mitesser und Pickel, doch im Vergleich zu dem, was ihrem Körper in den nächsten Monaten noch so alles bevorstand, waren diese noch das kleinere Übel.
Angeekelt schob sie die Müslischale weit von sich. Was die gesunde Ernährung anging, so war sie sich darüber mit Mom ungefähr so einig wie Präsident Lyndon B. Johnson mit dem Vietcong.
Eine leichte Übelkeit stieg in ihr hoch und reizte sie zum Erbrechen, doch sie widerstand erfolgreich dem Verlangen ihres Magens, das Nichts, welches sich darin befand, gleich hier am Tisch auszuspucken.
„Warum isst du denn nichts, Alexandra?“, fragte Mom besorgt. „Wenn du weiterhin wie ein Spatz isst, dann wird dich uns der Wind noch mal fortwehen.“
Alexandra hörte die Stimme ihrer Mom nur undeutlich und gedämpft, als läge ein schwerer Schleier über allem. Oh Mom, dachte sie belustigt, wenn du nur wüsstest! Ich werde ganz im Gegenteil wie einer deiner Hefekuchen aufgehen.
Einen Augenblick lang wurde ihr schwarz vor Augen. Farbige Kreise, Flecken und andere Muster tauchten innerhalb dieser Schwärze auf und verschwanden wieder, als sie leicht den Kopf schüttelte. Ihre Lippen zitterten und sie spürte, wie ein leichter Schweißfilm auf ihre Stirn trat. Nur einige Momente später war der kurze Anfall von Morgenübelkeit auch schon vorbei.
„Alexandra, was ist denn nur heute los mit dir? Du siehst so blass aus. Hast du vielleicht Fieber? Du wirst mir aber jetzt nicht krank werden, oder?“
Alexandra setzte ein mattes, angeschlagenes Lächeln auf, das zuversichtlich wirken sollte und seine Wirkung anscheinend nicht verfehlte. Zumindest im Augenblick.
„Es ist nichts, Mom. Es ist alles in Ordnung. Glaub mir!“
Das Sprechen bereitete ihr zunehmend Schwierigkeiten. Ihre Mundhöhle war so trocken wie ein ausgepresster Schwamm und inmitten dieser trockenen Zone lag ihre Zunge wie ein Verdurstender in der Wüste, anscheinend kaum noch in der Lage, auch nur noch einen Laut von sich zu geben, der sowohl verständlich als auch vernünftig klang. Vorsichtig nippte sie an ihrem Orangensaft und zwang sich schließlich dazu, das Glas ganz auszutrinken, obwohl ihr Hals dagegen protestierte. Sie hatte jedoch ihre Gesichtszüge gut unter Kontrolle.
Misstrauisch beäugte Elisabeth Barnes ihre sechzehnjährige Tochter.
„Bist du dir sicher, Schätzchen? Gerade in dieser Jahreszeit fängt man sich doch so schnell etwas ein und du weißt doch genau, wie anfällig du für solche Dinge bist ...“
„Nun reicht es aber“, fiel ihr nun Alexandras Vater ins Wort, die New York Times zusammenfaltend. „Nun lass doch endlich das Kind in Ruhe! Dein Herumgeglucke hält ja kein Mensch aus. Wenn Alexandra sagt, dass alles in Ordnung ist, dann ist auch alles in Ordnung. Hab ich Recht oder nicht, Spatz?“
Alexandra nickte. Ihr Bruder gluckste.
„Wer weiß“, warf er prustend ein, „vielleicht sollte mein Schwesterherz doch lieber mal zu einem Arzt gehen. Am besten gleich zu Dr. Jones, bevor sie sich noch etwas von diesem Stephen 'einfängt'!“
„Richard!“
Sie warf ihrem Bruder einen vernichtenden Blick zu. Dr. Jones war einer der wenigen Gynäkologen der Stadt und als solcher nicht selten Herr über das Glück oder Unglück aller jungen Mädchen im Umkreis. Hatte Richard ihr etwa nachspioniert? Was wusste er? Und wie viel? Sie atmete tief ein. Nun hieß es erst einmal Ruhe bewahren. Für Panik war nun wirklich nicht die rechte Zeit.
„Was meinst du damit, Richard?“, verlangte Mom zu wissen und als ihr Bruder keine Antwort gab, wandte sie sich an ihre Tochter, die dem Herrn im Stillen dafür dankte, dass ihre Mutter schneller kochen als kombinieren konnte.
„Wer ist eigentlich dieser Stephen?“
„Mom, ich hab dir doch schon so oft von ihm erzählt. Stephen trägt morgens immer den Stadtanzeiger aus und macht gerade eine Ausbildung im Drugstore von Mr. Liner. Erinnerst du dich noch an den Jungen, der mich letzte Woche zum Herbstball abgeholt hat? Das war Stephen!“
Mrs. Barnes runzelte die Stirn.
„Und wie weit geht deine Beziehung zu diesem Stephen?“
„Mom!“ Alexandra errötete protestierend. Eine Fähigkeit, für die sie einige Monate Übung investiert hatte.
„Zwischen mir und Stephen ist nichts. Wir sind nur gute Freunde. Mehr als Händchen halten und ab und an einen Kuss gibt es nicht.“
„Dann frag sie doch mal, Mom, wohin sie sich von ihrem Freund küssen lässt“, feixte Richard.
Es verschlug Alexandra fast die Sprache. Eine aufkommende Panik unterdrückend, schnellte sie von ihrem Platz hoch und schrie ihren Bruder mit vor Wut blitzenden Augen an.
„Was fällt dir eigentlich ein, mir so etwas Gemeines und so Schmutziges zu unterstellen? Ich hasse dich dafür, hörst du? Ich hasse dich und deine dreckige Phantasie, ich hasse euch beide!“
„Ist ja schon gut, Schätzchen“, beruhigte sie ihre Mutter. „Ich glaube dir ja, das da weiter nichts ist. Ich kenn doch mein braves Mädchen. Aber nun zu dir, mein Junge. Ich verbiete dir, so über deine Schwester zu reden. Zügle gefälligst in Zukunft deine Zunge oder ich wasch dir beim nächsten Mal den Mund mit Kernseife aus! Vielleicht sollte ich mich wirklich mal danach erkundigen, welche Art von Filmen du dir samstags im Kino ansiehst!“
Das saß. Richard lief rot an und blieb stumm. Langsam entfernte sich Alexandra vom Tisch.
„Wohin willst du, Schätzchen?“
Sie blieb in der Küchentür stehen und drehte sich um.
„Ich weiß noch nicht, aber ich muss hier einfach raus, weg von diesem Idioten.“
„Bleib aber nicht zu lange weg. Du weißt, wir essen pünktlich zu Abend.“
„Ja, ich weiß“, lächelte Alexandra, „ich werde rechtzeitig da sein.“

Die Luft draußen war kalt, eisig und schneidend. Ihr Atem gefror sofort zu einem kleinen kristallinen Wunder, das in einem immer währenden Kreislauf in der Luft zu verharren schien. In der letzten Nacht hatte es etwas Raureif gegeben, der an den Stellen, wo die Sonne noch nicht den Boden berührt hatte, immer noch zu sehen war. Alexandra liebte diesen Anblick. Der Rauhreif glitzerte gleich unzähliger Geschmeide aus Perlen und Diamanten.
Was sollte sie jetzt tun? Sie hatte ihren Eltern ja schlecht erzählen können, dass sie schwanger war und das Stephen, der Vater ihres ungeborenen Kindes, noch gar nichts von seinem Glück wusste. Mit ihrem Selbstbewusstsein stand es gerade nicht zum Besten. Zweifel nagten an ihr und sie brauchte jetzt jemanden, mit dem sie darüber sprechen konnte. Und wer kam dafür besser in Frage als Stephen? Er war ihr Freund. Er verstand sie und vor allem: er liebte sie. Entschlossen machte sie sich auf den Weg.
Alexandra wusste, dass ihr Freund samstags, nachdem er seine Zeitungen ausgetragen und seine Schicht bei Mr. Liner im Drugstore gearbeitet hatte, immer noch kurz im Denny's, ihrem liebsten Diner in Kingshaven, vorbeischaute und nicht selten auch dort zu Mittag aß. Sicherlich würde sie ihn dort antreffen.
Sie täuschte sich nicht. Bereits als sie die Tür zum Diner öffnete, konnte sie seine Stimme deutlich aus der Menge heraushören. Ihr wurde warm ums Herz.
Wie würde Stephen wohl reagieren? Würde er sie zärtlich in seine Arme nehmen und sie auf seine ganz spezielle Art und Weise anlächeln? Ja, ganz bestimmt würde er genau das tun und ihr dann sagen, wie sehr er sie liebt und dass er sich natürlich auch über das Baby freut.
Dann stand er plötzlich vor ihr. Er trug seine geliebte College-Jacke mit Kapuze, Blue Jeans und die weißen Sneakers, die er sich vom Munde abgespart hatte und die er das ganze Jahr über trug. Stephen war nicht allein. Einige seiner Freunde, von denen sie die wenigsten persönlich kannte, standen bei ihm. Sie trugen ihr Haar länger und diese grellbunten Shirts, die gerade immer mehr in Mode kamen. Einige rochen nicht sehr angenehm. Schweiß und kalter Rauch lag in der Luft. Misstrauisch prüfte sie Stephens Haarschnitt. Gott sei Dank war er noch in Ordnung. An den Seiten akkurat ausrasiert und oben etwas länger zur Tolle gekämmt. Sie seufzte erleichtert auf.
„Hi Alex“, begrüßte er sie herzlich mit einem Kuss, den sie nur zu gerne erwiderte. „Haben wir heute ein Date? Hab ich da was vergessen?“
„Nein, keine Sorge, Stephen, haben wir nicht, aber ich muss dringend mit dir sprechen. Es ist wichtig!“
„Jetzt? Hat das nicht Zeit? Ich bin mit den Jungs hier ...“
„Ja, jetzt!“
Als er keinerlei Anstalten machte, ihr zur folgen, packte sie ihn kurzerhand am Kragen seiner Jacke und zog ihn in eine Ecke des Diner, in der es etwas stiller war. Weit genug weg von seinen Freunden. Die brauchten nun wirklich nicht alles zu wissen. Dies war eine Angelegenheit, die nur sie beide etwas anging.
„Was ist denn los, Alex? Warum tust du so geheimnisvoll?“ Er blickte kurz in Richtung seiner Freunde. „Wie steh ich jetzt denn vor den anderen da? Also, was ist los?“
Alexandra schluckte nervös, dann holte sie tief Luft.
„Es ist … also … ich wollte dir etwas sagen, was nur dich und mich etwas angeht, Stephen … ich bin schwanger!“
Endlich war es heraus. Sie fühlte sich mit einem Schlag erleichtert und unbeschwert, als wäre ein riesiges Gewicht von ihren Schultern gerutscht. Etwas ängstlich war sie jedoch noch. Was würde er nun sagen?
Stephen schwieg zunächst einmal. Er schien sehr ruhig und gelassen. Nun ja, dachte Alexandra, vielleicht brauchen solche Nachrichten bei Jungen etwas länger, bis sie im Gehirn ankamen.
„Ist das wirklich wahr?“
Er packte sie an ihren Schultern und schüttelte sie. Seine Augen hatten sich erweitert, schienen riesengroß. Gleich fallen sie ihm aus den Augenhöhlen und baumeln dann nur noch an den Sehnerven vor seinem Gesicht, dachte sie und konnte nicht anders: sie kicherte. Stephen schüttelte sie noch einmal, etwas grober, als sie erwartet hätte.
„Sag mir: ist das wahr? Du machst keine Scherze?“
Sie stieß einen leisen Schrei aus.
„Aua! Du tust mir weh. Ja, es ist wahr und du bist der Vater.“
„Warum hast du mir das denn nicht eher gesagt? Warum erfahre ich das erst jetzt?“
Gleich würde er sie in seine starken Arme nehmen, sie küssen und fest an sich drücken.
„Sag mal, bist du eigentlich total bescheuert? Scheiße! Ich dachte, du nimmst die Pille, verdammt. Großer Gott, was für eine Scheiße!“
Ihr Traum platzte wie eine Seifenblase bei seinen Worten. Sie strauchelte, fing sich aber wieder. Ihr Herz schlug wie rasend. Stephen fasste sich an die Stirn und starrte auf den Boden. Er vermied es, Alexandra direkt anzusehen und sah überall hin, doch nicht in ihre Richtung, geschweige denn in ihre Augen, die sich langsam mit Tränen füllten.
„Verdammte Scheiße aber auch!“ fluchte er. „Warum muss das ausgerechnet mir passieren?“
In seinem Kopf rotierte es. Sie konnte es förmlich sehen. Er suchte nach einem Fluchtweg, wie ein wildes Tier im Käfig. Stephen wollte das Baby nicht, das wusste sie nun. Aber warum? Sie konnte es nicht verstehen. Er liebte sie doch. Ein weiteres Mal an diesem Tag stieg ein Gefühl aus ihrem Innersten auf, die allen Gefühlen, die sie bislang für ihn empfunden hatte, widersprach. Abscheu und Hass.
„Wieso? Was ist denn mit dir los? Ich dachte, du liebst mich und du freust dich ...“
Er lachte sie aus.
„Freuen? Worauf denn? Soll ich mich etwa darauf freuen, dass ich Vater von solch einem schreienden Balg werde? Oh nein, Alex, da bist du bei mir an der vollkommen falschen Adresse! Ich will meine Freiheit, mein Leben leben, durch die Welt reisen, was erleben. Verstehst du das? Und kein Kind. Ich schufte doch nicht wie ein Blöder, um dich und so ein Kind durchzufüttern. Ist das Kind überhaupt von mir? Wer weiß, wie viele du schon vor mir ...“
„Du Schwein“, sie versuchte, ihm eine zu scheuern, doch er fing ihre Hand kurz vor seinem Gesicht ab.
„Hey, ist ja schon gut“, seine Stimme wurde leiser und klang versöhnlicher. „Wenn du willst, kann ich dir die Adresse von einem guten Arzt geben. Der kennt sich mit solchen Problemen gut aus ...“
„Eine Abtreibung!?“ schrie sie laut auf und es war ihr vollkommen egal, dass sie nun auch die anderen hören konnten. Ihr Blut kochte. „Ist es das, was du wirklich willst? Eine Abtreibung?“
„Nicht so laut!“ beschwörend legte Stephen einen Finger auf seine Lippen.
„Was ist los, Stephen? Ist es dir etwa peinlich, das deine Freunde uns hören können? Dass sie hören, was für ein mieses Schwein du doch bist? Meinetwegen können sie alles mitkriegen. Damit du es weißt, ich werde dieses Kind bekommen, ob du nun willst oder nicht.“
Die Tränen strömten über ihr Gesicht.
„Und ich blöde Kuh dachte doch tatsächlich, du liebst mich“, schluchzte sie, „aber in Wirklichkeit war ich doch nur ein Abenteuer für dich, was? Gib es zu, mehr war ich doch für dich nicht! Wieder so eine Dumme, die willig in deine Arme gesunken ist, damit du dich abreagieren kannst. Ich verachte dich!“
Es war schon ein seltsames Gefühl, Stephen mit derselben Intensität hassen zu können, wie sie ihn liebte. Irgendwie immer noch, trotz allem. War sie verrückt?
Alexandra wandte sich zur Tür, um zu gehen. Stephen versuchte, sie zurückzuhalten.
„So warte doch einen Augenblick. Wir können doch über alles reden“, sagte er sichtlich verärgert und griff nach ihrem Arm, als sie die Tür des Diners erreichte.
„Lass mich los, da gibt es nichts mehr zu reden“, zischte sie ihn an und entwand sich seinem Griff. Die Tür wurde von außen geöffnet und sie nutzte die Gelegenheit, um sich an Stephen vorbei ins Freie zu drängen. Er folgte ihr. Sie begann schneller zu laufen, stolperte und rappelte sich wieder auf. Sie weinte und sah nicht mehr, wohin sie lief. Ich muss weg, dachte sie, egal wohin, nur weg von diesem Schwein!
„Alex, pass auf!“, schrie Stephen.
Sie sah den Wagen im letzten Moment auf sich zurasen, doch es war bereits zu spät. Er erfasste sie frontal und schleuderte sie gegen die Windschutzscheibe, die daraufhin knirschte und knackte. Dann fiel sie zu Boden. Mit kreischenden Bremsen stoppte das Auto. Ein aufgeregtes Stimmengewirr war das letzte, was Alexandra in den letzten Augenblicken bei Bewusstsein noch mitbekam. Ein älterer Herr und Stephen beugten sich über sie.
„Alex!“
Dann nur noch Dunkelheit.

(Dan)

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Witchers Journal, Jg. 1, Nr. 1 vom 01.07.2013, S. 33-37


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