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Mass Effect 3 – I want to believe: Nachlese und Interview (*)


von Dandelion

Wer kennt es nicht, jenes berühmte Plakat in Fox Mulders Büro, das ein über einer Wiesenfläche und Waldstück fliegendes UFO zeigt, mit dem markanten Spruch „I want to believe“?
Zugegeben, im Kanon des Akte-X-Universums bezog sich das „believe“ eher auf die Existenz von Außerirdischen, seien sie uns nun freundlich oder feindlich gesonnen. Heute wissen wir, auch dank der Aufklärung durch BioWare, dass es da draußen so viel mehr gibt, als lediglich die grauen Männchen mit ihren überdimensionierten Köpfen und den stechenden schwarzen Augen: die Turianer, die Asari, die Batarianer, die Salarianer, die Quarianer und viele andere weltraumfahrende Rassen, deren Existenz erst noch entdeckt werden muss. Von Geth, Kollektoren, Vorcha und anderen, eher unangenehmen Zeitgenossen mal ganz abgesehen. Also, warum nun das „believe“?
Es sind jetzt über zwei Monate vergangen, seit Mass Effect 3 den Einzug in unsere Wohnzimmer und seinen festen Platz auf den Festplatten unserer Computer gefunden hat. Wie sicherlich den meisten bekannt ist, bekam das Spiel durchweg gute bis überragende Kritiken, wenngleich ein nicht unwesentlicher Teil der Fans diesen nur zum Teil zustimmen konnte. Unbestritten war, dass Mass Effect 3 gute bis sehr gute Unterhaltung bot und durchaus die Erwartungen der meisten Spieler erfüllte oder diesem Zustand zumindest sehr nahe kam. Wo sich allerdings die Geister schieden, war eindeutig das Ende der von Beginn an als Trilogie geplanten Spielreihe. Zu Recht konnte man das abrupte Ende, Logiklöcher, Plot Holes und das unvermittelte Hervorzaubern eines Deus ex Machina („Gott aus der Maschine“) bemängeln, das zumeist nur dann zum Einsatz kommt, wenn eine Situation so verzwickt ist, dass diese ohne das plötzliche, vollkommen überraschende Eingreifen einer gottähnlichen Macht nicht gelöst werden kann.
Im Fall von Mass Effect 3 handelte es sich hierbei um das sogenannte „Godchild“ bzw. „Spacechild“, das am Ende des Spieles den Hauptcharakter - ähnlich wie einst Jörg Dräger bei „Geh aufs Ganze“ - vor die Wahl stellte und ihm genau drei Möglichkeiten ließ: Rot, Grün oder Blau. Im Gegensatz zu der SAT 1-Show jedoch, in der hinter einem der drei Tore sich immer der Hauptgewinn verbarg, hatte Lieutenant Commander John Shepard nur die Wahl zwischen Pest, Cholera und Diarrhö; oder anders formuliert: hinter jedem Tor wartete nur der ZONK und damit der Tod auf ihn.
Eine daraufhin einsetzende, massive Protestwelle, die sich mit diesem Ende unzufrieden zeigte, brachte die Hauptverantwortlichen von BioWare und EA schließlich dazu, ihr bisheriges Schweigen zu brechen und zu guter Letzt einen DLC anzukündigen, der das bisherige Finale besser erklären, neue Cinematics und Dialoge enthalten und Logikfehler, sowie Plot Holes schließen sollte: der sogenannte Extended Cut DLC, der im Laufe des Sommers für alle kostenlos erscheinen wird (wir berichteten darüber in Ausgabe 22 darüber).
Seit dieser Ankündigung ist allerdings bereits viel Sternenstaub durch das Weltall geschwebt und die Citadel ächzt immer noch still und verdächtig unruhig im Weltraum vor sich hin. Was allerdings hat sich bislang getan? Nicht viel, wenn man einmal von diversen Twitter-Meldungen absieht und der Bekanntmachung, dass die ersten Synchronsprecher bereits zu neuen Aufnahmen ins Studio eingeladen wurden. Was wird dieser DLC bringen? Ein neues Ende, auch wenn BioWare und EA dies dementieren? Was ist mit der Indoktrinations-Theorie, nach der Commander Shepard wie einst Bobby Ewing alles nur geträumt hat, was nach dem Sturm auf den Reaper-Strahl passiert ist? Oder gibt es noch eine andere Wahrheit, von der wir noch überhaupt nichts wissen? Es gibt anscheinend keinen, der bereit wäre, nähere Angaben über das wahre Ende zu machen, ohne befürchten zu müssen, dass er dann seinen schlecht bezahlten Job verliert. Wirklich keiner? Niemand, der sich traut, die Wahrheit zu sagen? Doch es gibt einige Personen, die nach langem Zögern nun doch ihr bisheriges Schweigen brechen wollen und sich uns für ein Interview zur Verfügung stellten.

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Für unsere neueste Ausgabe der Witchers News konnten wir die renommierte Reporterin Khalisah al-Jilani gewinnen, die für uns ein großes Interview mit den Personen geführt hat, die am besten wissen müssten, was vor fast drei Monaten tatsächlich geschehen ist, nachdem die Verbindung zu Lieutenant Commander John Shepard in London abgebrochen war und er schließlich vom Allianz-Kommando für tot erklärt wurde. Wieder einmal. Al-Jilani hatte sich bereits vor zwei Jahren bei Commander Shepards erstmaligem Verschwinden intensiv mit seiner Person befasst. Sie gilt in Medienkreisen als kompetente Shepard-Expertin, wenngleich es nicht wenige Kollegen gibt, die ihr jegliche Objektivität absprechen, wenn es um den verdienten Allianz-Helden geht, wozu sicherlich das gespannte Verhältnis, welches zwischen al-Jilani und Shepard herrschte, nicht unerheblich beigetragen hat.
Der Ort des Interviews ist ein unbeschädigtes Nebengebäude der Allianz in Vancouver. Eine breite Glasfront erlaubt einen Blick auf die Skyline der Stadt, die sich nach den verheerenden Angriffen der Reaper im Wiederaufbau befindet. Ein eingebauter Filter im Glas verhindert die direkte Sonneneinstrahlung und dämpft das Licht auf ein für das Auge erträgliches Maß herab. Es ist 12 Uhr Erd-Standard-Zeit. Bis auf neun Stühle, die in einem perfekten Halbkreis mitten im Raum stehen, und vier großen Plasmabildschirmen, die gegenüber den Sitzgelegenheiten an der Wand befestigt sind, ist das ansonsten karge Büro leer. Zwei Personen betreten, gefolgt von einigen fliegenden TV-C-Einheiten, den Raum: ein Mann in Uniform, mit durchgedrücktem Kreuz und auf dem Rücken verschränkten Armen, die Frau im eleganten Zweiteiler, mit der linken Hand durch das halblange, dunkle Haar fahrend. Khalisah al-Jilani wendet sich an zwei der TV-C's. Ihre Miene drückt Verärgerung aus.
„Sitzt mein Make-up? Ist es vollständig? Ich habe keine Lust, wieder eine ganze Sendung ohne Augenbrauen zu moderieren!“ Eine der TV-C's vibriert einen Wimpernschlag lang. Fast scheint es, als amüsiere sie sich. Als sich die Reporterin zu besagter Einheit umdreht, vibriert unerwartet die von ihr abgewandte Einheit.
http://www.witchers-journal.de/media/content/wn23_me3_char-1_s.png„Admiral Hackett!“ Der Angesprochene dreht sich zu al-Jilani um. Sein missmutiger Blick fällt auf die beiden TV-C's. Er schüttelt den Kopf. Al-Jilani gibt mit einem Wink den Kameras zu verstehen, dass sie sich zurückziehen sollen. Am anderen Ende des Raums zoomt eine weitere Kamera an die beiden heran, bis im Fokus der Linse die Narbe im Gesicht des Admirals in tausendfacher Vergrößerung zu sehen ist. Eine Nanosekunde später ist die Einstellung justiert.
„Darf ich davon ausgehen, Admiral Hackett, dass die mir zugesagten Interviewpartner auch wirklich zur Verfügung stehen werden?“ Sie lächelt, einstudiert und falsch.
„Ich kann Ihnen versichern, dass Lieutenant James Vega ebenso wie Doktor Chakwas, Major Alenko und Jacqueline Nought kommen werden. Der jetzige Aufenthaltsort von Pilot Jeff Moreau und der Normandy ist der Allianz nicht bekannt. Da alle anderen, die nicht mit Moreau auf der Normandy waren, nicht der Allianz angehören, kann ich für deren Erscheinen natürlich nicht garantieren, das verstehen Sie sicherlich. Ach, bevor ich es vergesse: Fragen zu militärischen Komplexen, ganz gleich in welcher Beziehung und wie subtil Sie sie auch stellen mögen, führen zu einem sofortigen Abbruch des Interviews. Haben Sie das verstanden?“
Ein neues, aber ebenso falsches Lächeln, doch diesmal weniger selbstsicher, erblüht auf Khalisahs Lippen. Die Augen bleiben kalt.
„Natürlich, Admiral Hackett. Obwohl es ein ziemlicher Ritt auf der Rasierklinge werden dürfte, da unser Hauptaugenmerk eben auf Lieutenant Commander John Shepard …“
„Captain John Shepard.“ Der Admiral verschränkt die Arme vor der Brust.
„Wie bitte?“
„Lieutenant Commander John Shepard wurde auf meine Empfehlung hin aufgrund seiner herausragenden Leistungen, die er im Kampf gegen die Reaper-Invasion unter Beweis stellte, posthum zum Commander und anschließend zum Captain befördert.“ Hackett geht zusehends aufgeregt auf und ab. “Das zumindest waren wir ihm schuldig. Ich persönlich hätte ihn auch zum Admiral gemacht, doch da haben sich einige Bürokraten in der Allianz-Spitze quer gelegt. Diese verdammten Bürohengste …“
„Gibt's die nicht überall?“, murmelt al-Jilani und fügt laut hinzu: „Ich denke nur, es wird sehr schwierig, ein Interview über … Captain John Shepard zu machen, ohne auf militärische Belange eingehen zu dürfen. Sie können ja gerne im Raum bleiben und alles überwachen, wenn Sie wollen, aber ich habe bereits zu viel Zeit und Mühe darin investiert, um dieses Interview überhaupt genehmigt zu bekommen und alle Beteiligten zu ihrer Zusammenarbeit zu bewegen. Machen Sie mir das jetzt nicht kaputt …“
http://www.witchers-journal.de/media/content/wn23_me3_char-4_s.pngBevor der Admiral darauf antworten kann, öffnet sich mit einem Zischen die automatische Tür und zwei Männer treten ein. Beide tragen die Standarduniform der Allianz, unterscheiden sich aber ansonsten gänzlich voneinander. Der eine wirkt im Gegensatz zu seinem Gegenüber schmächtig, obwohl er mehr als durchtrainiert ist. Seine Gesichtszüge, die von einem Schopf dunkler, militärisch korrekt geschnittener Haare umrahmt werden, weisen eindeutige kaukasische Züge auf. Sein Pendant hingegen füllt bereits beim Eintreten den Raum so vollständig mit seiner körperlichen Präsenz, dass man meinen kann, es bliebe für andere nicht mehr viel Platz übrig. Der raspelkurz geschorene Kopf wirkt zudem recht bedrohlich, kann aber nicht von dem verschmitzten Funkeln in den Augen des hispanischen Lieutenant ablenken, auch wenn der Blick des Betrachters zunächst an seinem Körper haften bleibt, dessen Muskeln bis an ihre Grenzen und darüber hinaus trainiert und definiert sind. Ein Anblick, der Männer neidvoll erblassen und Frauen sehnsuchtsvoll aufseufzen lässt. Beide unterhalten sich angeregt, nehmen aber sogleich, als sie des Admirals ansichtig werden, Haltung an und salutieren zackig. Der Admiral erwidert die Geste.
„Major Alenko, Lieutenant Vega“, der Admiral leistet sich ein schmales Lächeln.
„Admiral Hackett, Sir!“, antwortet Kaidan Alenko und James Vega fügt hinzu: „Mit Verlaub, Sir, gibt es bereits Neuigkeiten über den Gesundheitszustand von Admiral Anderson?“ In dem Gesicht des bulligen Lieutenant ist echte Besorgnis und Anteilnahme zu erkennen.
„Für medizinische Fragen ist der Admiral nicht der richtige Ansprechpartner“, erschallt am Ende des Raumes eine raue weibliche Stimme, die über viele Jahre von Serrice Ice Brandy geformt wurde. Dr. Karin Chakwas betritt den Raum. Ihre graugrünen Augen mustern interessiert die beiden Allianzsoldaten. Auch sie salutiert vor dem Admiral, obwohl die Ärztin heute Zivil trägt. Gewisse Gepflogenheiten lassen sich nicht so einfach ablegen.
„Admiral Anderson liegt immer noch im künstlichen Koma, damit seine schweren Verletzungen und das Kopftrauma, das er auf der Citadel erlitten hat, in aller Ruhe ausheilen können. Sie beide wüssten das bereits längst, wenn Sie meine Krankenstation nicht so hartnäckig meiden würden.“ Alenko und Vega werfen sich einen verschwörerischen Blick zu. „Dabei ist die jährliche Routineüberprüfung Ihres L2-Implantats längst überfällig, Major; und was Sie angeht, Lieutenant: nur weil Sie jetzt zum N7 Korps gehören heißt das noch lange nicht, dass sie sich ewig vor ihrer Hauptuntersuchung drücken können. Ich ordne hiermit an, dass Sie beide morgen um Punkt 8 Uhr ESZ in meiner Krankenstation erscheinen und ihre Untersuchungen nachholen. Haben Sie beide das verstanden?“
Alenko und Vega sehen zunächst einander an, werfen dann einen Blick zum Admiral, der nur leicht den Kopf schüttelt.
„Meine Herren, erwarten Sie keine Unterstützung von meiner Seite. Ich bin voll und ganz Dr. Chakwas Meinung. Zur Not stelle ich ein Kontingent Soldaten zur Verfügung, dass Ihr Erscheinen sicherstellen wird. Natürlich nur mit Ihrem Einverständnis, Doktor!“
http://www.witchers-journal.de/media/content/wn23_me3_char-2_s.pngDr. Chakwas lächelt und nickt. Mit federnden Schritten geht sie zu den aufgestellten Stühlen und betrachtet die Namenskarten, von denen auf jeder Sitzfläche eine liegt. Sie findet ihre eigene, nimmt zwei andere und vertauscht sie. „So wird die ganze Angelegenheit doch gleich viel interessanter“, murmelt sie und setzt sich auf den ihr zugedachten Stuhl.
Die Tür öffnet sich ein weiteres Mal.
„Ich glaube, ich habe noch nie eine größere Ansammlung von Versagern gesehen wie hier, anwesende Admirale natürlich ausgenommen …“
„Sparks!“ Mit wenigen Schritten ist der hünenhafte Vega bei der kleinen Quarianerin, die mit auf der Hüfte gestemmten Händen in der Tür steht, umschlingt ihre schmale Taille und wirbelt sie einmal mit Leichtigkeit im Kreis herum, bevor er sie vorsichtig wieder absetzt. Sicherheitshalber überprüft sie daraufhin ihren Umweltanzug auf etwaige Schäden. Bei Vega kann man nicht vorsichtig genug sein. Kaidan nickt ihr zu.
„Tali'Zorah vas Neema vas Normandy, es freut mich, Sie wiederzusehen!”, grüßt er sie und lächelt verschmitzt.
„Das ist so nicht ganz richtig, Alenko“, widerspricht ihm ein dunkler Schatten, der hinter Tali auftaucht und sich als hochgewachsener Turianer entpuppt, „ihr vollständiger Name lautet nun Tali'Zorah Vakarian vas Neema vas Normandy, auch wenn der Trend jetzt mehr dahingeht, die Schiffsnamen nicht mehr aufzuzählen …“
„Schatz“, Tali kuschelt sich eng an Garrus Vakarian, persönlicher Berater der turianischen Primarchen, dann schaut sie durch ihre Maske zu ihm auf, ihre Augen zwei funkelnde Sterne, „hast du nicht eine Kleinigkeit vergessen?“
„Wie? Ach ja, Admiralin Tali'Zorah Vakarian vas Neema vas Normandy. Verzeih mir, wie konnte ich das nur vergessen …“
„Vielleicht, weil du gerade auf dem Weg hierher unbedingt Miss Lawson auf den, zugegeben prallen Hintern glotzen musstest? Glaub nicht, dass ich das nicht bemerkt hätte, du turianischer Schwerenöter … apropos Miranda: ich würde mich an eurer Stelle schon mal auf einen gewaltigen Catfight einstellen. Jack ist nämlich ebenfalls schon im Gebäude und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die beiden aufeinander treffen. Ich kann die Biotik schon regelrecht knistern hören.“
Tatsächlich brauchen die Anwesenden nicht allzu lange warten, bis sie die ersten Ausläufer eines handfesten Streits mitbekommen. Hochspannung liegt in der Luft und Kaidan Alenko spürt, wie die beginnende Übersättigung mit Biotik seine Nackenhaare dazu bringt, sich aufzustellen.
„Cerberusschlampe!“
„Durchgeknallter Freak!“
Die beiden Frauen kommen näher, umkreisen sich dabei in Angriffshaltung. Ihre Fingerspitzen versprühen blaue Blitze. Keine von beiden hat bemerkt, dass sie das Ziel schon erreicht haben. Jack stemmt die Arme auf die Hüften.
„Warum bist du überhaupt noch am Leben?“, faucht Jack. Ihr tätowierter Oberkörper hebt und senkt sich heftig. „Soweit ich mich erinnern kann, bist du doch bei der Selbstmordmission draufgegangen!“
„Dein Gedächtnis war noch nie das Beste, du Freak! Du solltest endlich aufhören, all diese Mittel zu schlucken …“ Miranda wirft ihren dunklen Haarschopf zurück und lächelt Jack überheblich an. Die Funken an Jacks Fingern potenzieren sich. Ihre Augen sind nur noch schmale Schlitze. „Und übrigens, Jack, nur weil du jetzt Haare auf dem Kopf hast und Make-up trägst, bist du noch lange keine Lady!“
http://www.witchers-journal.de/media/content/wn23_me3_char-5_s.png„Das sagt ausgerechnet die Richtige, du genmanipuliertes Miststück.“
„Ach, geh doch dorthin, wo der Pfeffer wächst und lass dir noch ein Tattoo stechen, du verrückte Kuh!“, ein blauer biotischer Blitz schießt durch den Raum und verfehlt die hauteng bekleidete, frühere rechte Hand des Unbekannten nur knapp.
„Haben wir das alles drauf?“, flüstert Khalisah al-Jilani in ihr Earcom. Sie bekommt ein positives Feedback und hebt ihre Mundwinkel.
„Jack! Miranda!“ Garrus grollende Stimme übertönt alle anderen Geräusche im Raum. „Muss ich erst einen Eimer kaltes Wasser holen, damit ihr euch endlich benehmt?“
Das Knistern erlischt, die beiden Frauen starren sich erst gegenseitig an und dann Garrus. Erst jetzt dämmert es ihnen, welch eine peinliche Vorstellung sie gerade abgeliefert haben. Miranda errötet, eine Angewohnheit, die auch ihre perfekten Gene nicht verhindern können. Jack verschränkt trotzig die Arme vor ihren kleinen Brüsten, die nur von zwei schmalen Streifen Stoff bedeckt sind, die zudem auch noch transparent sind.
„Natürlich nicht, Garrus“, Miranda entblößt zwei Reihen der perfektesten Zähne, die die Menschheit bislang gesehen hat, geht einen Schritt auf Jack zu und legt ihr eine Hand auf die Schulter. „Wir beide machen doch nur Spaß, nicht wahr, Jack?“
„Bullshit!“, murmelt Jack und grinst gequält, macht jedoch gute Miene zum bösen Spiel und legt ihrerseits einen Arm um Mirandas Schulter. Sie drückt allerdings so fest zu, bis die Ex-Cerberus-Angestellte schließlich vor Schmerz leise aufstöhnt.
„Natürlich machen Miranda und ich nur Spaß“, knirscht es zwischen ihren Zähnen hervor, „nur um alte Zeiten wieder aufleben zu lassen. Ist das nicht ein Mordspaß?!“
Khalisah al-Jilani gesellt sich zu den Versammelten und wirft einen Blick auf die Uhr. Über das Earcom hält sie Rücksprache mit ihrer Redaktion. „Nein, der ist noch nicht eingetroffen, soll ich trotzdem noch warten? Ah, ich verstehe! Gut, dann fangen wir gleich an.“
Inzwischen hat James Vega sie erblickt. Mit einem breiten Grinsen schlendert er auf sie zu.
„Sind sie nicht die Puta, diese Reporterin, der Loco vor der Botschaft derbe eine verpasst hat? Natürlich“, er schnippt mit den Fingern, „ich erinnere mich genau! Sie haben ihm vorgeworfen, er hätte die Erde aufgegeben, während unzählige Unschuldige dort ihr Leben lassen würden. Ha, die Kopfnuss war nicht von schlechten Eltern! Ich hoffe nur, Sie haben davon keine bleibenden Schäden zurückbehalten.“
Al-Jilani schüttelt nur leicht den Kopf und fasst sich unbewusst an die Stirn, wo sie noch Wochen nach Shepards Aktion unter einer riesigen violetten Beule gelitten hatte, die in ihren Shows digital kaschiert werden musste, da kein Make-up der Welt sie verbergen konnte.
„Ich denke“, sagt sie stattdessen, „es ist nun an der Zeit, dass wir langsam beginnen! Wir sind zwar noch nicht vollständig …“
„Wer fehlt denn noch, Ihrer Meinung nach?“, fragt Admiral Hackett interessiert.
„Nun, der Protheaner Javik …“
http://www.witchers-journal.de/media/content/wn23_me3_char-7_s.png„Wer?“ Kaidan schaut verwirrt. Auch die anderen sehen sich nur schulterzuckend an. „Javik? Auf der Normandy gab es niemanden mit diesem Namen. Wer soll das sein? Ein Protheaner? Wenn Liara hier wäre, dann würde sie Ihnen jetzt drei Stunden lang erklären, dass die Protheaner vor 50.000 Jahren ausgestorben sind. Die Kopfnuss muss doch mehr Schaden angerichtet haben, als ich dachte“, scherzt Vega.
Schließlich setzen sich alle Beteiligten auf die für sie vorgesehenen Plätze. Jack und Miranda stutzen einen Augenblick lang, als sie erkennen, dass sie nebeneinander sitzen sollen, ergeben sich dann allerdings still ihrem Schicksal. Karin Chakwas, die neben den beiden Platz nimmt, schmunzelt. Die linke Reihe wird schließlich von Kaidan Alenko komplettiert.
Der Stuhl in der Mitte bleibt frei, denn er ist für die Reporterin vorgesehen. Auf der rechten Seite sitzen James Vega, Tali und Garrus Vakarian. Der äußerste rechte Platz ist vorerst unbesetzt.
Die Kameras beginnen laut zu surren und signalisieren so ihre Aufnahmebereitschaft, obwohl sie schon die ganze Zeit, von den anderen unbemerkt, Bild- und Videomaterial gesammelt haben. Khalisah al-Jilani positioniert sich vor den Kameras, die Interviewpartner im Hintergrund gut sichtbar, und spricht ihren Einleitungstext:
„Willkommen zu einer weiteren Sendung mit Khalisah al-Jilani. Wie immer legen wir auch heute wieder den Finger auf den Puls der Zeit und berichten über genau die Themen, die Sie, meine Damen und Herren, brennend interessieren. Ich schätze mich glücklich, am heutigen Tag eine ganz besondere Sendung moderieren zu dürfen. Uns allen sind noch gut jene Ereignisse im Gedächtnis, die uns vor drei Monaten in Angst und Schrecken versetzt haben: die Invasion der Reaper und ihre Folgen für die Erde. Ich bin sicher, dass es keinen Menschen da draußen gibt, der nicht einen Angehörigen, einen Freund oder guten Bekannten an jene gnadenlose Maschinenrasse verloren hat, die kein Erbarmen mit der Menschheit kannte. Wir wollen einen Moment innehalten und ihrer gedenken.“ Khalisah senkt demütig den Kopf und schafft es sogar, medienwirksam ein bis zwei Tränen aus den Augenwinkeln zu drücken.
„Was für eine Heuchlerin“, knurrt Tali wütend und sagt laut, als die Reporterin wieder aufschaut: „Verzeihen sie, Miss? Puta?“
Al-Jilani zuckt zusammen. Vega beugt sich zu Tali herüber und flüstert ihr zu, dass dies keineswegs ein weiterer Vorname der Reporterin ist, sondern ein deftiger spanischer Ausdruck, den eine Admiralin nicht unbedingt in den Mund nehmen sollte. Die Farbe von Talis Maske scheint einen Hauch Rot anzunehmen. Jack grinst.
„Weiterdrehen!“, weist die Reporterin mit einer kreisenden Handbewegung die TV-C's an. „Wir schneiden das hinterher raus! Admiralin Zorah Vakarian, sie wollten etwas sagen?“
„Allerdings!“ Die Quarianerin hält es kaum auf ihrem Stuhl. Garrus muss sie sanft, aber bestimmt zurückhalten. „Nicht nur mit der Menschheit kannten die Reaper kein Erbarmen! Millionen von anderen Rassen haben auch ihr Leben verloren, als sie mithalfen, Ihren Planeten, die Erde zu verteidigen. Thessia, der Heimatplanet der Asari, ging verloren, wie viele andere Welten auch, ganz gleich, ob auf ihnen Turianer, Salarianer, Vorcha oder wer auch immer lebte. Tun Sie also nicht so, als wären nur die Menschen die Opfer gewesen, Sie … Sie … Puta!“
http://www.witchers-journal.de/media/content/wn23_me3_char-6.pngDie Reporterin seufzt und schlägt eine Hand vor das Gesicht. Sie zeigt den Kameras mit einer fließenden Handbewegung an, an dieser Stelle einen Schnitt zu machen. Zum Glück senden sie nicht live, aber bereits jetzt graut ihr vor den unzähligen Stunden, die sie hinterher im Schneideraum verbringen wird, um einigermaßen akzeptables Material zum Senden zu bekommen.
Sie fängt sich schnell, nickt Tali zu, als würde sie ihr bedingungslos zustimmen und setzt sich auf ihren Platz.
„Ich denke, wir sollten das Pferd ganz neu aufzäumen“, sagt sie, räuspert sich laut und gibt der Kamera ein Zeichen: „Am heutigen Tag wollen wir uns mit dem unbestrittenen Helden des Reaper-Krieges beschäftigen, der wie kein anderer den Verlauf und schließlich den Sieg der Galaxis über die Reaper vorbereitet und zuletzt erst möglich gemacht hat: Captain John Shepard. Wir werden der Frage nachgehen, was damals im Citadelturm wirklich geschehen ist und was aus Captain Shepard wurde. Ist er wirklich tot, wie die Allianz nun offiziell bestätigt hat, oder lebt er gar noch? Wenn letzteres der Fall sein sollte, warum meldet er sich dann nicht? Der einzige lebende Zeuge, Admiral David Anderson, liegt zurzeit im Koma und kann deshalb die brennenden Fragen, die uns beschäftigen, verständlicherweise nicht beantworten. Stattdessen haben wir die früheren Weggefährten von Captain John Shepard eingeladen, die uns mehr zu den Hintergründen erzählen und uns den Menschen John Shepard hoffentlich etwas näher bringen werden. Einige sind zu diesem Zweck persönlich hier bei mir im improvisierten Studio erschienen, andere werden wir im Verlauf der Sendung per Monitor zuschalten.“ Al-Jilani wendet sich an die Runde. „Zu Beginn also, sozusagen zur Auflockerung, eine recht menschliche Frage: Gerüchten zufolge soll Captain Shepard ein relativ entspanntes Verhältnis mit der Crew gepflegt haben, böse Zungen sprechen gar von einem sehr intimen. Hand aufs Herz: Wer von ihnen kann das bestätigen? Womöglich aus eigener Erfahrung? Heben Sie ruhig ihre Hand, wir sind hier ja ganz unter uns“, ein gekünsteltes Kichern entweicht hinter ihrer vorgehaltenen Hand.
Erstaunlicherweise schießen die Hände von Jack und Miranda sofort in die Höhe, was zu Stirnrunzeln auf beiden Seiten Anlass gibt. Nach und nach heben auch die anderen eine Hand, bis nur noch Garrus und James übrig bleiben.
„Mierda!“ flucht Vega. „Das ist nicht euer Ernst, oder? Ihr wollt doch nicht behaupten, dass ihr alle schon mal mit Loco … por dios!“
Bezeichnendes Schweigen erfüllt den Raum.
„Warum hat er denn mich nicht mal angegraben?“ Nun ist es Tali, die sich zu Vega hinüberbeugt und ihm etwas ins Ohr flüstert. „Was? Ich habe ihn zu sehr eingeschüchtert? Mann, ich bin doch auch nur ein Kerl, der ab und an etwas ternura braucht. Hinter dieser harten Brust“, er schlägt mit der flachen Hand gegen seinen gewaltigen Brustkorb, „schlägt doch auch nur ein weiches Herz!“
„Da hast du echt was verpasst“, grient Jack und selbst Miranda ist ausnahmsweise mal einer Meinung mit ihr. Zumindest lässt dies ihr verklärter Gesichtsausdruck vermuten, als sie sich anscheinend ganz und gar ihren speziellen Erinnerungen hingibt.
„Er konnte recht fordernd sein“, pflichtet Tali bei, was Garrus dazu veranlasst, nach Luft zu schnappen.
„Es war immer ein Nehmen und Geben“, schwärmt Kaidan und verknotet seine Hände ineinander. Dr. Chakwas' blasse Wangen leuchten plötzlich samtig-rot auf.
„Eine Flasche Serrice Ice Brandy genügte uns meist und dann ging die Post ab, kann ich euch sagen“, gurrt sie und ihre Stimme überschlägt sich fast, als ein wohliger Schauer ihren Körper erfasst und sie sich an den Stuhllehnen festhalten muss, um nicht vornüber zu fallen.
Auch Khalisah al-Jilani errötet, allerdings aus anderen Gründen als Chakwas. Fast automatisch konzentriert sich ihr fragender Blick auf Admiral Garrus Vakarian. Der zuckt nur mit den Schultern
„Ich hatte dafür einfach keine Zeit. Es gab an Bord immer so viel zum kalibrieren …“
„Schätzchen“, ein spöttisches Lächeln huscht über Chakwas Gesicht, „wenn du nicht andauernd versucht hättest, unsern John in die Pfanne zu hauen, dann könntest du jetzt auch ein Loblied auf ihn singen! Aber wenn ich mir dich so ansehe, dann ist schon klar, warum dich kein Mann auch nur mit der Kneifzange anfassen würde, Serrice Ice Brandy hin oder her.“
Al-Jilani spürt, wie ihr das Interview aus den Händen zu gleiten droht. Während ihre Gäste lauthals interessante Details ihrer intimen Erfahrungen mit Shepard austauschen, hält Khalisah Rücksprache mit der Redaktion, die sie dazu auffordert, endlich mal zum Punkt zu kommen. Einige Minuten später hat sich die Lage wieder beruhigt. Sie nickt den Kameras zu. Das Surren setzt wieder ein.
„Vielleicht hilft uns ja ein Perspektivenwechsel. Wie Admiralin Zorah Vakarian schon ansprach, hat die Erde vielfältige Unterstützung von den anderen Rassen der Galaxis erhalten. Nachdem Captain Shepard Turianer und Kroganer zusammen an einen Tisch gebracht hatte ...“
„Aber zu welchem Preis!“ Garrus reibt sich sein turianisches Kinn und schüttelt den Kopf.
„Wie bitte, Admiral?“
Garrus setzt sich auf, verschränkt die Beine übereinander und stützt sein Kinn auf beide Hände.
„Nun, Khalisah, unbestreitbar hat das neue Bündnis von Turianern und Kroganern dazu beigetragen, dass der Krieg gegen die Reaper anders verlief, als es die Geschichte vorgesehen hatte. Ich will nicht undankbar erscheinen. Wir verdanken ihnen viel. Ohne sie wäre Palaven sicherlich gefallen, doch welchen Preis zahlen wir dafür? Die Genophage ist geheilt“, Garrus gestikuliert anschaulich mit seinen Händen, „aber werden die Kroganer zu einer neuen Gefahr, jetzt, da sie sich wieder fortpflanzen können? Wird Urdnot Wrex sein Wort halten?“
„Das ist eine vorzügliche Überleitung“, unterbricht ihn Khalisah, „warum fragen wir ihn nicht einfach selbst? Urdnot Wrex, Anführer aller kroganischen Stämme auf Tuchanka, ist uns nämlich gleich live zugeschaltet. Redaktion, steht die Verbindung nach Tuchanka? Gut! Wir werden gleich ein Videobild bekommen, wahrscheinlich auch Ton, doch von unserer Seite gibt es leichte technische Störungen, die wir jetzt schon zu entschuldigen bitten ...“
Der äußere Bildschirm flackert kurz, ein verzerrtes Bild erscheint, stabilisiert sich zusehends, bis in einer Großaufnahme der Kopf von Urdnot Wrex erscheint.
„Tuchanka? Können Sie mich hören?“
Urdnots Kopf entfernt sich von der Kamera, um sich im nächsten Moment wieder direkt davor zu befinden. Gut zu erkennen sind die tiefen Narbenrillen, die sich von seiner roten Stirnplatte an seinem rechten Auge vorbei bis zu seinem überdimensionierten Hals hinziehen. Er schwitzt und stöhnt. Tali erkennt als erste, was sich da gerade abspielt und hält sich eine Hand vor den Teil ihrer Maske, der auch den emergency induction port enthält. Garrus wendet den Blick ab.
„Ich hab es doch gesagt“, murmelt er.
„Bakara, wann wollte uns noch einmal dieses dürre Ding von Reporterin interviewen?“
„Hallo Tuchanka! Urdnot Wrex? Wir können Sie sehen und hören! Hören Sie uns auch?“
„Woher soll ich das denn wissen, Urdnot? Ich bin doch nicht deine Sekretärin! Und nun sei ein braver Kroganer und lass mal deine Bakara oben liegen ...“
Das angestrengte Gesicht von Wrex zeigt zunächst Ablehnung, doch dann zuckt er nur mit den Schultern. „Warum auch nicht? Ich hab mich hier oben genug abgerackert, wird Zeit, dass du etwas Arbeit übernimmst. Was tut man nicht alles für ein Haus voller kleiner Kroganer ...“
„Tuchan...“ Ein letztes Mal versucht Khalisah al-Jilani den Kontakt zu Urdnot Wrex herzustellen, als dieser sich aufsetzt und unabsichtlich sein primäres kroganisches Geschlechtsmerkmal in seiner ganzen Pracht in die Kamera hält.
„Sag mal, warum leuchtet eigentlich die Lampe an dieser Kamera?“
Mit einer panischen Handbewegung gibt die Reporterin die Anweisung, die Verbindung zu Tuchanka zu kappen. Der Bildschirm wird schwarz.
„Meine Güte!“ Mirandas Gesicht spiegelt deutlich die widersprüchlichen Gefühle wider, die sie gerade empfindet. „Habe ich gerade wirklich gesehen, was ich glaube, dass ich es gesehen habe? Der war ja riesig!“
„Ob Shepard wohl auch was mit ...“, fragt sich Vega. Tali schüttelt den Kopf und flüstert ihm wieder einmal die Antwort ins Ohr.
„Tatsächlich? Das ist ja widerlich! Und ich dachte immer, es wäre nur ein Gerücht, das Kroganer sich nicht waschen würden. Dann versteh ich natürlich, warum Loco die Finger von ihm gelassen hat!“
„Ich glaube“, begehrt Tali laut auf, „es wird jetzt Zeit für einen Drink! Ich hätte gerne einen dreifach gefilterten turianischen Brandy.“
Auch die anderen finden, dass es an der Zeit ist, die trocken gewordenen Kehlen ein wenig anzufeuchten. Admiral Hackett lässt seine persönliche Ordonnanz antreten, um die Bestellungen für das Offizierskasino aufzunehmen. Eine Reihe hochprozentiger Getränke wird bestellt. In Flaschen. Die Allianz bezahlt schließlich.
Während die Getränke bestellt werden versucht Khalisah al-Jilani eine weitere Verbindung zu einem anderen Teilnehmer per Com-Barke herzustellen. Ein Bildschirmschoner von Thessia erscheint, daraufhin erklingt eine weibliche Stimme: „Hier ist der automatische Anrufbeantworter von Dr. Liara T'Soni. Leider bin ich im Augenblick nicht zu erreichen. Versuchen Sie es doch zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal oder hinterlassen Sie mir eine Botschaft nach dem Signalton!“
Verärgert beendet die Reporterin die Verbindung, doch der Bildschirm wird nicht schwarz. Stattdessen erscheint das Bild einer Überwachungskamera, die ein Geschäft auf der Citadel zeigt. Gerade betritt ein Kunde den Laden und laut erschallt die Stimme eines Mannes: „Mein Name ist Commander Shepard und dies ist mein Lieblingsgeschäft auf der Citadel!“, was zunächst für Schweigen unter den im Raum Anwesenden führt. Dann bricht schallendes Gelächter aus.
„Daran kann ich mich noch gut erinnern“ Garrus Vakarian streicht sich eine Träne aus den Augenwinkeln, während sein Brustkorb noch vor Lachen bebt, „Shepard hat das damals allen Geschäften auf der Citadel auf die Terminals gesprochen und fett abgesahnt. Die Kohle haben wir dann abends im Flux auf den Kopf gehauen. Für Drinks und leichte Mädchen oder in Shepards Fall, für alles, was zwei Beine hatte und nicht bei drei aus dem Club geflüchtet war.“
„Ja, unser Loco war ein gerissener Hund!“
„Zumindest hatte er an meine Flasche Ice Brandy gedacht.“
„Hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Er hätte eben besser doch mit mir mordend und brandschatzend durchs All ziehen sollen, Bullshit, dann wäre er jetzt auch nicht ...“, Jacks Stimme versagt. Das Gelächter verstummt abrupt.
„Tot.“ Kaidan spricht laut aus, was die anderen gerade nur zu denken wagen. „Ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass er nicht mehr da sein soll. Ich weigere mich zu glauben, dass er nach all den Kämpfen, all den Pakten, die er im Laufe der letzten Jahre zum Wohle der Galaxis geschmiedet hatte, nicht die Früchte seiner ganzen Arbeit genießen können soll. So ein Ende hat er nicht verdient! Nicht schon wieder!“
Inzwischen sind die Getränke eingetroffen. Die Moderatorin der Sendung schnappt sich eine Flasche stilles Wasser und nimmt einen kräftigen Schluck. James Vega öffnet eine Flasche asarischen Weins und füllt zwei Gläser. Eines davon reicht er an Miranda weiter.
„Sag mal, Miranda“, fragt er dabei, „ihr Cerberusleute habt ihn doch damals wieder zum Leben erweckt. Ginge das nicht noch einmal, wenn man seinen Körper finden würde?“
Miranda nippt an ihrem, leicht beschlagenen Glas und schüttelt den Kopf.
„Nein, ich habe damals zwar das Lazarusprojekt geleitet, aber ich bezweifele, dass man das heute noch einmal so reproduzieren könnte. Zum einen, verzeihen Sie mir die Worte, Admiral Hackett, hat die Allianz nicht das technische Know-how dafür und zum anderen würde es schon an den finanziellen Mitteln scheitern.“
Tali lehnt sich interessiert vor.
„Was hat der ganze Spaß denn damals gekostet?“
„Genau 4 Milliarden und 17.725,68 Credits.“
Vega runzelt die Stirn.
„Was für eine komische Summe.“
Miranda grinst. Der Wein steigt ihr bereits zu Kopf, sodass sie das folgende sagt, ohne vorher darüber nachzudenken.
„Nun, im Vertrauen, Shepards Wiederherstellung kostete fast ganz genau 4 Milliarden Credits. 1.725,68 Credits haben wir für Softdrinks und ein großes Tortenbüffet ausgegeben. Hey, das musste doch gefeiert werden!“
„Bleiben immer noch 16.000 Credits, Schätzchen“, bemerkt Chakwas zwischen zwei großzügigen Schlucken Ice Brandy.
„Nun, eine solch perfekte Frau wie ich braucht halt auch eine neue Garderobe, die mindestens so perfekt ist! Die kriegt man halt nicht beim nächsten Discounter. Was soll's? Der Unbekannte zahlte doch alles!“
„Darauf trinken wir, Schätzchen!“ Chakwas wirft einen missbilligenden Blick auf Khalisah, die genervt einen weiteren Schluck Wasser nimmt. „Kleine, wenn du dich weiterhin nur an deinem Wasser festhältst, dann kommt hier doch nie Stimmung auf. Du bist vielleicht eine Spaßbremse! Wir sind hier, um des größten Helden zu gedenken, den die Allianz, ach was“, sie schwenkt ihre Brandyflasche in einem Halbkreis vor sich her, „den die gesamte Galaxis je gesehen hat: John Shepard - auf John!“
Die anderen sind aufgestanden und erheben ihre Gläser und Flaschen:
„Auf John!“
„Hallo? Hallo? Hört mich jemand? Bist du sicher, Cortez, dass die Verbindung auch wirklich zustande gekommen ist?“ Ein Knurren ertönt als Antwort. Auf einem der Bildschirme schiebt sich ein bärtiges Gesicht vor die Kamera.
„Ich war dafür nicht zuständig, Joker. Frag doch mal deine EDI, die hat schließlich die Kommunikation über Dutzende von Com-Barken umgeleitet, weil der feine Herr Pilot nicht gefunden werden will. Da, funktioniert doch! Die Anzeige leuchtet und da ist schon das Bild.“
„Esteban, du alter Schweinehund!“, brüllt Vega, der die Stimme sofort erkannt hat. „Ich wusste doch, dass deinen kleinen Arsch so schnell nichts umhaut! Wo seid ihr? Geht es euch gut? Man hat die Normandy als verschollen oder gar zerstört abgeschrieben.“
Jokers Gesicht wird von einem anderen verdrängt. Ein Grinsen huscht über Steve Cortez' Gesicht. Seine blauen Augen funkeln vor Vergnügen.
„Big Fail, Vega. Wir sind hier soweit alle frisch und munter, nur das Schiff hat bei der unfreiwilligen Landung ein paar Schrammen und Macken abbekommen. Es hat uns auf einen ganz hübschen Planet verschlagen, doch es gibt hier weit und breit keine einzige verdammte Taco Bell Filiale. Was feiert ihr denn gerade? Ist mein John auch bei euch?“
Vega senkt den Blick.
„Nein, er ist nicht hier“, antwortet er recht vage, aus Rücksicht auf die besondere Beziehung der beiden zueinander, „aber erzähl doch erst einmal, warum seid ihr nicht hier? Warum seid ihr abgehauen?“
Cortez wackelt mit dem Kopf und deutet mit dem Daumen hinter sich.
„Na, das soll dir mal lieber Joker erklären!“
„Auf die Erklärung bin auch ich sehr gespannt!“ Admiral Hackett ist vor den Bildschirm getreten, die Arme vor der Brust verschränkt und mit einem angespannten Gesichtsausdruck, der seine Stirn in Falten legt. „Schließlich handelt es sich hierbei um ein nicht geringeres Vergehen als unerlaubtes Entfernen vom Schlachtfeld, Soldat. Allein für Ihre Fahnenflucht könnte ich Sie und alle anderen an Bord schon vor das Kriegsgericht stellen lassen, Flight Lieutenant Moreau!“
„Oh, Admiral Hackett! Ich wusste gar nicht, dass Sie auch dort sein würden, Sir!“ Auf Jokers Stirn perlt bereits der Angstschweiß. Er versucht die Situation mit einem Scherz zu überspielen. „Nun, ich würde es nicht unbedingt Fahnenflucht nennen wollen, Sir, äh, ich hatte ein familiäres Problem, das keinerlei Aufschub duldete, und kommen Sie, Admiral, soweit ich mitbekommen habe, war der Krieg fünf Minuten später doch ohnehin vorbei!“
Der Admiral wippt mit den Füßen auf und ab. Ferse, Zehenspitze, Ferse. In seinem Gesicht rumort es. Seine Kiefer mahlen und man hört die Zähne knirschen.
„Ich höre, Soldat, was war aus Ihrer Sicht so wichtig, dass Sie nicht nur desertieren, sondern zudem noch das beste Schiff der Allianzflotte gleich mit sich nehmen mussten? Ich warte!“
„Ich glaube, das sollte besser ich dem Admiral erklären!“ Die fein modulierte Stimme klingt angenehm, kann aber ihre künstliche Herkunft nicht ganz von der Hand weisen. Ein neues Gesicht erscheint auf dem Schirm. Weiblich. Synthetisch.
„Ich gehe wohl Recht in der Annahme, dass Sie EDI sind, die künstliche VI der Normandy.“
EDI verändert die Position ihres Gesichts um 10 Punkte nach links.
„Diese Information ist inkorrekt, Admiral Hackett. Ich bin EDI, die künstliche KI der Normandy. Meine Beschränkungen als VI wurden schon
vor über 6 Monaten, 10 Tagen und 21 Stunden aufgehoben. Ein entsprechender Bericht und der Logbucheintrag müssten Ihnen bereits vorliegen!“
„Jaja“, der Admiral winkt harsch ab. „Kommen Sie zum Punkt!“
„Sicherlich ist Ihnen bekannt, dass ein nicht unerheblicher Teil meines Quellcodes mit dem Allianz-Projekt LUNA identisch ist. Commander Shepard schaltete meinen beschädigten VI Kern vor 2 Jahren, 8 Monaten, 13 Tagen und 7 Stunden aus. Cerberus empfing meinen Hilferuf, barg die Reste der VI und verwendete ihn, um EDI zu erschaffen und später auch das Projekt Dr. Eva, deren Androiden-Körper ich nun kontrolliere. Im Laufe meiner erweiterten Interaktionen mit der Crew der Normandy entwickelte sich eine Art besondere Beziehung zu Pilot Jeff Moreau ...“
„Eine Art besondere Beziehung? Baby, wir lieben uns!“, erklingt aus dem Hintergrund Jokers aufgekratzte Stimme.
„… die ich Dank Commander Shepards Unterstützung und Billigung vertiefte ...“
„Schatz, lass mich mal ran“, Joker drängelt sich ins Bild, gibt EDI einen raschen Kuss auf die Wange, während er sie sanft aber bestimmt zur Seite schiebt, „du holst mir für meinen Geschmack zu weit aus. Also, Admiral, Dr. Evas Körper besteht zum Teil aus Reaper-Tech und auch Geth-Tech, das heißt, dass jeder Reaper oder Geth theoretisch zu EDIs Familie gehört. Die Reaper sind wir ja zum Glück losgeworden, aber die Geth stellten sich als Problem heraus. Sie müssen nämlich wissen, dass EDI und ich heiraten wollen. Wir konnten ja nicht wissen, dass sich in der gemeinsamen Flotte von Geth und Quarianern zwei Geth-Kommando-Einheiten befanden, die Wind von der Sache bekamen und sich den Bräutigam näher ansehen wollten.“
„Ich verstehe das Problem nicht, Soldat! Erklären Sie mir es!“
Joker fasst sich an den Schirm seiner Kappe, hebt diese kurz an und setzt sie wieder auf.
„Nun, Admiral, Sir, ich weiß nicht, ob Sie schon mal ein Date mit einer jungen Italienerin hatten, aber Geth benehmen sich genauso wie die großen Brüder einer solchen. Und sie wollten uns an Bord der Normandy besuchen kommen! Sie können bestimmt verstehen, dass ich aufgrund meiner Vrolik-Erkrankung ...“, aus dem Hintergrund ist ein unterdrücktes Kichern zu hören, „Cortez, du Idiot, ich sag dir zum letzten Mal, das IST eine Krankheit! Mit V! Das, was du meinst, ist eine Hundefuttermarke und wird mit F geschrieben. Entschuldigen Sie, Admiral Hackett, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, EDIs große Brüder wollten vorbeischauen und da mir meine Knochen so lieb sind, wie sie sind, nämlich heil und in einem Stück, bekam ich Panik und gab mit der Normandy Fersengeld.“
Admiral Hackett reibt sich das Kinn und geht auf und ab.
„In gewisser Weise kann ich Sie verstehen, Flight Lieutenant Moreau, ich selbst hatte in meiner Jugend eine kurze Beziehung mit einer jungen Dame aus Ankara, die sechs Brüder ihr Eigen nannte. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass sie es versäumt haben, Kontakt zur Allianz aufzunehmen!“
„Das kann ich erklären, Admiral! Es wurden bei der Notlandung der Normandy, nachdem die Massenportale verrücktspielten und wir gerade noch mit heiler Haut davon gekommen waren, etliche Systeme beschädigt, darunter auch die Kommunikation. Gabby und Kenneth haben Wochen gebraucht, um sie zu reparieren, sonst hätten wir auch den Aufruf von Khalisah al-Jilani nie zu hören bekommen.“
„Ah, eine gute Überleitung“, Khalisah wittert wieder Morgenluft. Schwankend erhebt sie sich von ihrem Stuhl. Inzwischen ist sie auf batarianisches Bier umgestiegen, das ihr augenscheinlich nicht allzu gut bekommt. „Mr. Moreau, Sie waren lange Jahre ein Mitglied von Captain Shepards Crew ...“
„Captain Shepard? Warten Sie mal, ich kenne Sie doch irgendwo her? Klar, Sie sind die Reporterin, der Shepard auf der Citadel die Kopfnuss verpasst hat!“
„Verdammt, ja, die Kopfnuss! Warum erinnern sich alle immer nur an diese vermaledeite Kopfnuss? Ich habe Präsidenten interviewt, Missstände aufgedeckt, aber alle Welt spricht mich immer nur darauf an. Shepard hier, Shepard da! Ich kann es nicht mehr hören! Verdammt, ich hasse diesen Shepard!“
Eine beängstigende Stille breitet sich im Raum aus. Man kann die Aufregung regelrecht knistern hören. Khalisah schaut sich um. Alle Augen sind auf sie gerichtet.
„Ja, was glotzt ihr denn so blöde? Shepard war nicht der große Held, für den ihr ihn haltet und ich kann das sogar bald beweisen. Er war ein Hurensohn, der sich den Aliens an den Hals geworfen hat, damit er zum ersten menschlichen Spectre ernannt wurde, und als die Allianz ihn fallen ließ, schloss er sich Cerberus an. Nun gut, das war vielleicht das einzig Gute, was er getan hat. Trotzdem, er hat die Erde im Stich gelassen, als sie ihn am dringendsten gebraucht hat und er … was ist?“ Khalisah lauscht ihrem Earcom und erstrahlt schließlich über das ganze Gesicht. Sie tritt vor die Bildschirme, die sich wie von Zauberhand zusammen schieben, bis sie nahtlos einen großen Monitor bilden. Joker blickt in Überlebensgröße auf die Anwesenden herab.
„Mr. Moreau, es tut mir leid, aber ich muss die Videoübertragung zu Ihnen leider kappen. Sie können jedoch gern an Ihrem Monitor alles Weitere verfolgen, denn das dürfte selbst Sie interessieren. Ich habe nämlich gerade die Nachricht erhalten, dass uns hochbrisantes Videomaterial zugespielt wurde, das zeigt, was wirklich in den entscheidenden Momenten auf der Citadel geschehen ist, nachdem Captain Shepard und Admiral Anderson den Transportstrahl passiert hatten.“
Garrus Vakarian ist aufgesprungen.
„Das ist unmöglich! Als ehemaliges Mitglied von C-Sicherheit weiß ich, dass es an dieser exponierten Stelle keinerlei Videoüberwachung gab!“
„Machen Sie sich nicht lächerlich, al-Jilani“, pflichtet Hackett dem Turianer bei, „hätte es Videoaufnahmen gegeben, dann wären sie nun im Besitz der Allianz und wir wüssten genau, was Shepard zugestoßen ist.“
Al-Jilani reckt triumphierend den Kopf.
„Wer sagt Ihnen denn, dass das Material von Kameras der Allianz oder Citadel stammen muss? Es war noch jemand anwesend, der dafür gesorgt hat, das dieser historische Moment der Nachwelt und den Medien erhalten geblieben ist.“
Miranda setzt sich wie elektrisiert auf.
„Natürlich“, sagt sie laut, „der Unbekannte! Das sähe dem eitlen Hurensohn ähnlich, sich in diesem Augenblick groß in Szene setzen zu wollen.“
„Genau so ist es! Erleben Sie also jetzt die ganze Wahrheit! Was geschah wirklich auf der Citadel? Welche Rolle spielte Shepard dabei? War er Held oder Verräter?“
Al-Jilani tritt beiseite. Der Monitor erhellt sich und eine Gestalt ist zu erkennen, die mit lädierter Panzerung eine dunkle Passage auf der Citadel entlang taumelt, deren Boden mit den Leichen unzähliger verschiedener Spezies gesäumt ist. Es ist niemand Geringeres als John Shepard. Die anwesenden Freunde und Crewmitglieder halten den Atem an. Sie lauschen angespannt dem Funkverkehr zwischen dem Commander und Anderson. Schließlich betritt Shepard den Kontrollpunkt und stößt zum Admiral. Es folgt der Auftritt des Unbekannten. Jack buht lauthals und kann gerade noch davon abgehalten werden, ihre Flasche in Richtung Monitor zu werfen. Der Schuss auf Anderson fällt, kurz darauf begeht der Unbekannte Selbstmord. Jack jubelt. Shepard versucht den Tiegel abzufeuern, scheitert jedoch.
Die folgenden Szenen kann hinterher kaum einer der Anwesenden glauben, obwohl er selbst dabei ist, als sie über den Monitor flackern. Auf einer höheren Ebene der Citadel trifft Shepard die VI der Citadel, die die Form eines kleinen Erdenjungen angenommen hat. Sie erklärt dem überraschten Commander, dass sie der Katalysator ist. Mehr noch, sie ist auch der Erbauer der Reaper (das Entsetzen im Raum über diese Offenbarung ist fast greifbar) und der Grund, warum alle 50.000 Jahre ein Zyklus zum Abernten aller fortschrittlichen organischen Spezies startet. Dies tut es, verrät die VI, damit die organischen Spezies keine synthetischen Spezies erschaffen können, die wiederum irgendwann die organischen töten würden.
„Das ist Bullshit!“, ruft Jack laut. „Maschinen vernichten organisches Leben, damit deren Maschinen sie eines Tages nicht vernichten? Mega Bullshit! Das Ergebnis ist doch bei beiden immer dasselbe! Lass mal deine Schaltkreise checken, du durchgeknallte VI!“
Unbeeindruckt von Jacks Einwurf fährt die VI fort. Zuletzt erkennt sie Shepards Bemühungen an. Kein organisches Wesen hat es je soweit geschafft und deshalb soll Shepard die Möglichkeit erhalten, den Zyklus auf verschiedene Art und Weise zu beenden. Es gibt drei Möglichkeiten: Kontrolle der Reaper, Vernichtung der Reaper und die Synthese, die Verschmelzung allen organischen Lebens mit dem synthetischen.
Kaidan betastet seinen Körper.
„Nun, wir wissen zumindest schon mal, welche Wahl er NICHT getroffen hat.“
Sie sehen, wie Shepard überlegt. Dann stellt er eine Frage.
„Was geschieht mit mir bei diesen drei Möglichkeiten?“
Die VI lächelt ausdruckslos.
„Du bist tot. Entweder wirst du zu dem, was du die ganze Zeit bekämpft hast oder du opferst deine DNA für die Synthese. Ach, es besteht eine geringe Wahrscheinlichkeit von 0,9 Prozent, dass du die Vernichtung der Reaper überlebst, aber darauf würde ich nicht hoffen.“
„Also, ganz gleich, was ich tue“, resümiert der angeschlagene Commander, „ich bin im Arsch! Keine Feier, kein Bier im Afterlife, kein Cortez, der mich erwartet und erst recht kein gemeinsamer Ritt in den Sonnenuntergang!“
Die VI nickt.
„So ist es, Shepard. Nun triff deine Wahl!“
Shepard humpelt in Richtung der Plattform, die ihn von der Abschusskontrolle des Tiegels nach oben gebracht hat.
„Wo willst du hin, Shepard? Dies ist der Augenblick, in dem du dich für das hehre Ziel, die Rettung der Galaxis opfern darfst!“
„Nein!“ Nur dieses eine Wort.
Die VI schüttelt ungläubig den Kopf.
„Wie bitte?“
„Ich werde mich nicht opfern! Das kann nicht die einzige Möglichkeit sein, um die Galaxis und alle Spezies darin zu retten. Ich denke, du verschweigst mir etwas.“
Der Katalysator bleckt die virtuellen Lippen. Einen Moment lang glaubt Shepard sogar, ein virtuelles Pendant zu Schweißperlen im Gesicht des Jungen zu erkennen. Lächelnd humpelt er weiter.
„Nein, Shepard. So war das nicht geplant! Komm zurück und triff deine Wahl!“
Shepard wendet sich, am Rand der Plattform stehend, noch einmal um. Er spricht langsam und betont energisch jedes einzelne Wort.
„Nein, das werde ich nicht tun! Ich bin nicht dein Spielball, hast du mich verstanden?“
Er betritt die Plattform, die leicht zu vibrieren beginnt. Er schaut zurück und sieht, wie die VI zu pulsieren beginnt, immer heller wird, bis sie schließlich ein Stoß enormer Energie auseinander reißt. Shepard hingegen befindet sich schon eine Etage tiefer, als dies geschieht. Er hat Anderson über die Schulter geworfen und läuft, was seine Beine noch hergeben.
Die Selbstzerstörung der VI hat zur Folge, dass der Tiegel nun zündet und damit seine Aufgabe, die Invasion der Reaper zu stoppen, vollendet.
An dieser Stelle endet die Aufnahme.
Anfangs herrscht betretenes Schweigen, dann reden alle gleichzeitig.
„Das war also der Katalysator ...“
„Dann war Shepard ja doch ein Held!“
„War? Bullshit, Shepard ist ein Held! Er lebt!“
„Verdammte Scheiße“, schimpft Khalisah, wird von Vega jedoch in den Arm genommen und getröstet. „Kein Grund zum Weinen, Puta, so war … ist er eben, unser Loco - auf Loco!“
Jack nähert sich den beiden, windet al-Jilani aus den Armen von James, hält sie auf Abstand und mustert sie abschätzend. Dann verpasst sie ihr eine Kopfnuss und lächelt, während die Reporterin bewusstlos zu Boden geht. „Das war für den Versuch, unseren Shep in den Dreck zu ziehen, du alte Schlampe!“
Ein letztes Mal flackert der riesige Monitor, auf dem gerade noch ein Standbild von Shepard zeigt, wie der den verletzten Anderson aus der Gefahrenzone bringt. Ein Gesicht erscheint.
„Seht doch, es ist Shepard!“ Talis Stimme überschlägt sich fast.
„Shepard! Es ist tatsächlich Shepard!“
„Hallo Freunde ...“
Garrus tritt vor und man merkt ihm seine Erleichterung an. Seine Stimme stockt etwas.
„Shepard, ich kann nicht glauben, dass wir beide von Angesicht zu Angesicht miteinander sprechen. Wir alle hielten Sie für tot, Shepard!“
„Ich weiß, Garrus, mein Freund, so war es auch geplant.“
„Geplant, was zum Teufel soll das heißen, Shepard? Sie sind immer noch ein Soldat der Allianz!“
Ein verschmitztes Grinsen huscht über Shepards Gesicht.
„Das ist nicht ganz korrekt, Admiral Hackett. Da die Allianz mich offiziell für tot erklärt hat, erlischt automatisch meine Zugehörigkeit zum Allianz-Militär. Übrigens, vielen Dank für die Beförderung!“
„Und was passiert nun, John?“
„Das ist schnell erklärt, Dr. Chakwas, ich werde in Kürze zu einem weit entfernten Planeten aufbrechen, dessen Koordinaten nur mir und EDI bekannt sind. Ich plane, dort mit Cortez ein neues Leben zu beginnen, weit ab von allen Problemen und Kriegen. Meine Schuld der Galaxis gegenüber habe ich mehr als abgetragen, nun es ist an der Zeit, dass andere, ebenso fähige Leute von jetzt an für Frieden und Gerechtigkeit sorgen.“
In Gedanken streicht er über sein Kinn, das einen kratzigen Dreitagebart aufweist, der mit dem sonnengebräunten Teint des Captains bestens harmoniert. Er wendet sich ganz nah an die Kamera und lächelt verschwörerisch.
„Nun, wer möchte, kann mich gerne begleiten, wenn ich mich mit der Normandy dorthin auf den Weg mache! Überlegt es euch gut. Shepard Ende!“
Der Bildschirm erlischt. Die Freunde sehen sich an. Ein Funkeln erscheint in ihren Augen. Sie nicken sich zu und verlassen gemeinsam den Raum. Admiral Hackett bleibt zunächst zurück, ebenso wie die bewusstlose Khalisah al-Jilani.
„Ach, drauf geschissen“, flucht er lautstark und wirft seine Uniformmütze auf den Boden. Auf dem Weg nach draußen öffnet er die obersten Knöpfe seiner Uniformjacke, die er nicht mehr tragen wird, als er das Gebäude endgültig verlässt.
Auf der Stirn von Khalisah al-Jilani erblüht eine bunt schillernde Beule.


(*) Dieses Interview hat so natürlich niemals stattgefunden und entspringt gänzlich der Phantasie des Autors, aber so oder ähnlich hätte es ablaufen können.

(Dan)

http://www.witchers-journal.de/media/content/wn23_me3_icon_by_kamizanon.png




Witchers News, Jg. 4, Nr. 23 vom 01.06.2012, S. 8-24


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