Monstergrotte


Großväterchen : Der Kannibale

So hatte es sich zugetragen …

„Das erste Mal auf dem Weg in die Sümpfe, Junge? Keine Angst, mir ist noch kein Passagier von der Fähre gefallen …“
Der Fährmann schnäuzte sich geräuschvoll die Nase und schnippte mit den Fingern den Rotz in das trübe Wasser, dann warf er einen misstrauischen Blick auf den verängstigt wirkenden jungen Mann, der ihn mit weit aufgerissenen Augen ansah. Wahrscheinlich eins dieser armen Würstchen, das sich in Wyzima was zuschulden hatte kommen lassen, dachte der Fährmann. Und nun will er in den Sümpfen erst einmal, dass etwas Gras über die ganze Sache wächst. Ihm konnte das relativ egal sein. Selbst wenn der Junge einen umgebracht hatte, wovon er allerdings beim Anblick des zitternden Häufchens Elend kaum ausging; solange er ihm seine Oren für die Überfahrt bezahlte, interessierte ihn das nicht sonderlich. Der Rest der Fahrt verlief recht schweigsam. Mit einem mitleidigen Kopfschütteln setzte er den jungen Mann an der Anlegestelle ab und sah zu, wie er in Richtung des Dorfes der Ziegelbrenner verschwand.
Mehrmals sah sich der Jüngling verstohlen um, sodass er den alten Mann fast über den Haufen rannte, der an einer Weggabelung stand und einen recht verloren Eindruck machte. Er trug ärmliche Kleidung, einen kleinen Beutel um den Hals und seine Haut war übersät mit Abschürfungen und anderen verschorften Wunden.
„Verzeih mir, Großväterchen, aber ich habe dich nicht gesehen.“
Der alte Mann kicherte.
„Das macht doch nichts, Jungchen. Ah, da hast du doch gleich meinen Namen erraten. Hihi, ja, alle nennen mich nur das Großväterchen, warum nicht auch du?! Suchst du vielleicht Arbeit, Jüngelchen?“
Der Angesprochene überlegte kurz. Ein paar Oren waren nie verkehrt. Der alte Mann sah nicht so aus, als würde er große Probleme haben. Das war mit Sicherheit leicht verdientes Geld.
„Das kommt darauf an, was ich tun soll“, antwortete er zögernd.
„Hihi, keine Angst, ich suche nur jemanden, der mich zum Schrein der Melitele begleitet. Meine Augen sind nicht mehr so gut und es wird bald dunkel. Ich traue mich nicht mehr allein durch den Sumpf, bei all den Gefahren dort …“
„Wenn es weiter nichts ist, dann helfe ich dir gerne. Wie steht es um die Entlohnung, Großväterchen?“
Der Alte krempelte seine Taschen von innen nach außen. Sie waren speckig, mit unzähligen Löchern und ansonsten vollkommen leer.
„Klingende Münze kann ich dir nicht anbieten, aber – wenn du magst – ein reichhaltiges Mahl in meiner Hütte.“
Der Junge rieb sich den knurrenden Magen und stimmte kurz entschlossen zu. Sie machten sich auf den Weg. Dieser war trotz des ihm umgebenden Sumpfes gut zu erkennen. Unzählige Füße hatten im Laufe der Jahre den Boden fest gestampft und so mit der Zeit ein Netz von sicheren, gut begehbaren Wegen innerhalb des Sumpfes geschaffen. Ab und an raschelte es zwar im brackigen Unterholz und das Wasser zischte komisch, doch sie begegneten zu ihrem Glück unterwegs keiner lebenden oder untoten Seele. Als es bereits stärker dunkelte, erreichten sie schließlich den Schrein der Melitele, an dem Großväterchen eine Kerze entzündete. Er winkte den jungen Mann zu sich.
„Und nun, wie versprochen, das Essen!“ Großväterchen leckte sich genüsslich die Lippen und ging voran. Der Junge folgte ihm. Ihm kam es nicht in den Sinn, sich zu fragen, warum der Alte plötzlich so sicher einen Fuß vor den anderen setzen konnte, wo er doch bislang auf die Augen des Jungen angewiesen gewesen war. Nach kurzer Zeit erreichten sie bei Anbruch der Nacht die marode und nicht gerade einladend wirkende Hütte von Großväterchen.
„Geh nur schon hinein, mein Junge, ich komme sofort nach“, gluckste der Alte und griff nach einem derben Holzscheit, kaum dass der Junge ihm den Rücken zugewandt hatte …
Das Essen war wirklich vorzüglich gewesen. Der Junge rülpste laut und lockerte erleichtert den Hosenbund. Das Großväterchen hatte ihm wirklich nicht zu viel versprochen.
„Euer Lohn war mehr als ausreichend“, seufzte er wohlig und warf einen Blick auf den Kessel, in dem in einer kräftigen Brühe immer noch große Brocken Fleisch schwammen. „Es ist nur schade, dass ihr so gar keinen Appetit hattet, liebes Großväterchen.“
Der Alte starrte ihn aus milchigen Augen an. Der Junge ertrug den Blick nicht allzu lange, nahm kurzerhand den Kopf vom Tisch und platzierte ihn mit den Augen zur Wand auf dem Regal neben der Feuerstelle. Er freute sich schon darauf, morgen den Schädel zu öffnen und dessen Inhalt zu essen. Schließlich war das Gehirn das Beste, das wusste doch jeder …

http://www.witchers-journal.de/media/content/wn21_mg-bein_s


Kannibalen in „The Witcher“

So, wie dem Jungen, begegnet auch der Hexer Geralt von Riva dem alten Mann, der sich selbst nur Großväterchen nennt, bei seiner ersten Ankunft in den Sümpfen nahe Wyzimas. Nachdem er ihn zum Schrein der Melitele begleitet hat, wird auch er von dem Alten zu sich nach Hause eingeladen, wo Geralt das Geheimnis des Großväterchens entdeckt: er ist ein Kannibale. Großväterchen beteuert allerdings, dass er niemals Kinder essen würde. Vielmehr liebt er das Fleisch von Elfen, während ihm Zwergenfleisch viel zu sehnig und knorpelig ist. Mensch, beteuert er, schmecke ähnlich wie Hühnchen. Der Hexer steht vor einer schwierigen Entscheidung: Soll er den Kannibalen töten oder sein Leben verschonen? Diese Entscheidung fällt nicht leicht. Anders als bei anderen Monstern jedoch gestaltet sich der Kampf gegen das kannibalistische Großväterchen nicht allzu schwierig. Geralt stößt kaum auf Gegenwehr und kann auch auf den Einsatz seines silbernen Hexerschwerts verzichten, da Großväterchen kein Monster im üblichen Sinne des Hexerkodexes ist. Das Großväterchen ist der einzige Kannibale, auf den Geralt von Riva trifft. Die Dunkelziffer, also die Zahl der versteckt lebenden und agierenden Kannibalen, dürfte allerdings auf ganz Temerien hochgerechnet nicht gerade niedrig ausfallen.

Kannibalen in der heutigen Zeit

Im Gegensatz zu allen Monstern und Kreaturen, die in der Welt des Hexers Geralt existieren und zumeist in dem Aberglauben der Menschen oder den Erzählungen und Volksmärchen ihren Ursprung haben, gibt es Kannibalen tatsächlich. Sie sind unter uns, frönen heimlich ihrem Laster, ohne dass wir auch nur das Geringste von ihnen ahnen oder wissen, immer vorausgesetzt, sie werden bei ihren Taten nicht erwischt.
Unter Kannibalismus versteht man die Eigenart, das Fleisch der eigenen Spezies zu verzehren. Dies ist in nahezu allen Ländern der Welt mit einem Tabu belegt. Es gilt als ungeschriebenes Gesetz, das man nicht einfach den Nachbarn überwältigt und ihn zu sich nach Hause zum Abendessen einlädt, wo er dann selbst der Hauptgang auf der Speisekarte ist.
Erstaunlicherweise ist der Kannibalismus an sich in Deutschland kein Straftatbestand. Wenn es zu einer Verurteilung eines Kannibalen kommt, so liegt dem Urteil immer die Tötung des Opfers zugrunde und nicht etwa das Verzehren des Fleisches. Es gibt allerdings noch vereinzelt Stämme im Südpazifischen Raum und entlegenen, meist noch unerforschten Nischen innerhalb der Regenwälder unserer Erde, die aus traditionellen, historischen oder rituellen Gründen auch heute noch kannibalistisch agieren, also das Fleisch ihrer Feinde zu sich nehmen oder bei religiösen Zeremonien das eines vorher ausgewählten Opfers.
Kannibalismus ist kein speziell menschliches Phänomen. Auch im Tierreich kommt es immer wieder dazu; so verschlingen beispielsweise Hechte bis zu 90 % ihres eigenen Nachwuchses. Auch Ratten und Mäuse neigen dazu, bei Überpopulationen ihren Nachwuchs zu fressen. Alligatoren, Warane und Schlangen töten oft unterlegene Artgenossen und verzehren sie. Und wohl jeder kennt die berühmte schwarze Witwe, die nach erfolgter Paarung nicht selten das Männchen zum Fressen gern hat, sollte es nicht rasch seine acht Beine in Bewegung setzen, um seiner gefräßigen Angebeteten zu entkommen …

Kannibalen in Belletristik und Film

Wer kennt nicht die allseits bekannten und beliebten Märchen der Gebrüder Grimm, in denen es nicht selten ebenso grausam zugeht wie in einer Ausgabe der Tagesschau zur besten Sendezeit?
Besonders in Erinnerung ist vielen sicherlich die Hexe aus „Hänsel und Gretel“ geblieben, welche die beiden Kinder einsperrt, um sie zu mästen und nach ihrer Zubereitung im Backofen zu verspeisen. Allerdings gibt es ähnliche Tendenzen bereits in den Märchen „Rumpelstilzchen“ und „Rotkäppchen“. Während in einer französischen Vor-Grimm-Fassung von „Rotkäppchen“ der Wolf dem kleinen Mädchen vom Blut der Großmutter zu trinken und von ihrem Fleisch zu essen anbietet, bleibt bei Rumpelstilzchen das eigentliche Ziel, was der Wicht mit dem Kind der Königin vorhat, dem Leser zunächst verborgen, da er es letztendlich nicht erreichen kann. Man kann sich jedoch denken, dass er es kaum als sein eigen Fleisch und Blut aufziehen wollte. Eine Verwendung des Kindes als Snack wäre demnach durchaus anzunehmen.
Jack London thematisiert in einigen seiner Kurzgeschichten sehr detailliert den Kannibalismus, wie er nach diversen Dokumenten und Berichten in der Südsee vorkam. „Jerry, der Insulaner“ ist dafür ein gutes Beispiel. Auch Stephen King widmete eine seiner Geschichten diesem Thema. In „Survivor Type“ (zu Deutsch: Überlebenstyp) strandet der Medizinstudent Richard Pine mit zwei Kilo Heroin, etwas Wasser, einem Erste-Hilfe-Kasten und einigen anderen Utensilien auf einer einsamen Insel, auf der es sonst nichts Essbares zu finden gibt. Ein Knöchelbruch und die anschließend notwendige Amputation seines Fußes werden dann allerdings zum Wendepunkt der Geschichte, ab dem sein Hunger immer größer wird und die Hemmschwelle des Mannes immer weiter sinkt.
Kannibalismus ist natürlich auch für die Filmindustrie immer ein „gefundenes Fressen“, man vergebe mir dieses kleine Wortspiel. Der bekannteste Kannibale der Filmgeschichte ist ohne Zweifel Dr. Hannibal Lecter, der zunächst in den Romanen „Roter Drache“, „Das Schweigen der Lämmer“, „Hannibal“ und „Hannibal Rising“ von Thomas Harris sein Unwesen treiben durfte, bevor er – von Anthony Hopkins eindringlich verkörpert – auch auf der großen Leinwand seinen Auftritt hatte. Allerdings wird Hannibal Lecter, wenngleich er ein Psychopath und Serienmörder ist, auch als intelligenter, den schönen Dingen des Lebens zugewandter Mensch beschrieben, der dem Zuschauer schon fast wieder sympathisch erscheint.
Der Kannibalismus in dem Horror-Musical „Sweeney Todd“ hingegen nimmt schon etwas groteskere Züge an. Weder Sweeney Todd noch seine gastronomisch wenig erfolgreiche Vermieterin Mrs. Lovett essen selbst von dem Fleisch ihrer Opfer, sondern servieren es hübsch in Form von gebackenen Pasteten einer zunehmend begeisterten Kundschaft, die vom Ursprung ihres Essens nicht die geringste Ahnung hat.
Auch andere Filme wie „Hostel 2“ oder „The Texas Chainsaw Massacre“ bedienen sich des Kannibalismus, um dem Zuschauer mit unzensiertem Grauen das Fürchten zu lehren. Hierbei handelt es sich jedoch immer um fiktive Handlungen, die der Phantasie eines Drehbuchschreibers entsprungen sind.
Anders verhält es sich zum Beispiel beim Fall des Serienmörders Friedrich "Fritz" Heinrich Karl Haarmann, der wahlweise als Werwolf, Schlächter oder Vampir von Hannover bezeichnet wurde, da er in den Jahren 1918 bis 1924 bis zu 27 Menschen, meist junge Männer, getötet und teilweise gegessen hatte. Besondere Brisanz in dem Fall kam auf, da schon bald bekannt wurde, dass Haarmann ein Spitzel der Polizei war und zudem mit Fleischkonserven handelte. So manchem seiner Kunden dürfte sich damals nach dem Verzehr dieser Konserven buchstäblich der Magen umgedreht haben. Der Fall Fritz Haarmann wurde fürs Fernsehen adaptiert und mit Götz George in der Hauptrolle verfilmt.
Ein weiterer wahrer Fall, der unter dem Titel „Überleben“ verfilmt wurde, schildert das Schicksal des Fluges Fuerza-Aérea-Uruguaya-Flug 571, der mit 45 Passagieren an Bord, die aus einer uruguayischen Rugby-Mannschaft und deren Betreuern bestand, im Oktober 1972 in den chilenischen Anden zerschellte. Zwölf Menschen waren sofort tot, der Rest harrte bei einer Kälte von bis zu -40 Grad Celsius aus und wartete auf Rettung. Lawinen töteten weitere acht Mitglieder und begruben schließlich das Wrack des Flugzeuges vollständig unter sich. Den restlichen Überlebenden blieb nach dem Verzehr des wenigen Proviants an Bord nichts anderes übrig, als von den Toten zu essen, wenn sie überleben wollten. Als nach 72 Tagen endlich die Rettung kam, hatten von den ursprünglich 45 Besatzungsmitgliedern 16 überlebt. Dieser Fall ist exemplarisch für die Entstehung von Kannibalismus unter Extremsituationen.

Kannibalen in Mythen und Geschichte

Die alten Griechen hatten – im Gegensatz zu heute – eine ganze Riege an Göttern, von denen sie so manche Geschichte zu erzählen wussten. Da gab es Neid, Missgunst, Streitereien, Intrigen, Mord, Liebe und Herzschmerz; im Grunde genommen handelte es sich bei diesen Geschichten um die erste Soap-Opera der Welt, in der der Götterhimmel der Antike die Taten und Gefühle der Menschen widerspiegelte. Auch Kannibalismus war damals schon bekannt. So wäre Göttervater Zeus beinahe seinem Vater Kronos zum Opfer gefallen, der ihn nämlich aus Angst um seine eigene Herrschaft fressen wollte. Zum Glück half Zeus Mutter dem Kleinkind, indem sie ihrem Mann einen in eine Windel verpackten Stein gab.
Man sollte annehmen, dass Zeus aus dieser Geschichte etwas gelernt hätte, doch verhielt er sich später nicht anders als sein Vater, wenn auch aus anderen Gründen. Weil er die Rache seiner recht eifersüchtigen Ehefrau Hera fürchtete, sein Spross Herkules konnte davon ein Liedchen singen, verschlang er kurzerhand seine ungeborene Tochter Athene mitsamt ihrer in anderen Umständen befindlichen Mutter. Dies hielt Athene allerdings nicht davon ab, trotzdem das Licht des Olymps zu erblicken. Sie arbeitete sich kurzerhand durch den Körper ihres Vaters bis zu seinem Kopf und kam per „Kopfgeburt“ zur Welt.
In der Geschichte der Menschheit hat es schon immer Kannibalismus in den verschiedensten Formen gegeben. Bereits der antike Geschichtsschreiber Herodot berichtete in seinen Aufzeichnungen von Stämmen in Indien, bei denen es Brauch war, die Leichen der Eltern in einer Zeremonie zu verspeisen.
Den Mitteleuropäern des Jahres 784 n. Chr. blieb gar nichts anderes übrig, als zu dieser sonst verpönten Nahrungsaufnahme zurückzugreifen, da Veränderungen des Klimas eine Hungersnot ausgelöst hatten. Ebenso erging es den Kreuzrittern während des ersten Kreuzzugs. Sie belagerten 1097 n. Chr. die Stadt Antiochia und nahmen sie auch recht bald ein, um dann ihrerseits wieder belagert zu werden. Der harte Winter 1097/1098 n. Chr. traf die Kreuzritter und ihr Heer sehr hart. Unzureichend mit Proviant und Kleidung ausgerüstet begannen sie zunächst einfache Pferde und Esel zu schlachten, dann machten sie selbst vor den Schlachtrössern der Ritter und Hunden nicht halt. Als auch diese Nahrungsquellen versiegten, machten sie letztendlich den Versuch, durch Raubzüge in der näheren Umgebung noch brauchbaren Proviant zu erbeuten. Auf diese Weise eroberten die Kreuzritter 1098 n. Chr. die befestigte Stadt Maarat An-Nuam, fanden dort allerdings nicht die erhofften Vorräte, sodass sie damit begannen, unter den Einwohnern ein Massaker zu verüben. Angeblich kamen dabei über 22000 Menschen zu Tode.
Der fränkische Chronist und Augenzeuge Raoul de Caen berichtet, wie mit den Getöteten umgegangen wurde: „Die Unseren kochten die erwachsenen Heiden in Töpfen und steckten die Kinder auf Spieße, um sie gegrillt zu verschlingen.“
Dieses Massaker war einer der Hauptgründe, warum sich in der islamischen Welt über Jahrhunderte hinweg aus verständlichen Gründen beharrlich das Bild der Kreuzritter als besonders grausam und barbarisch hielt.
Im 13. Jahrhundert griff in Ägypten der Kannibalismus in allen Ständen des Landes um sich. Der arabische Arzt Abd al-Latif berichtete, "wie eine Sitte, die Anfangs Abscheu und Entsetzen einflößte, bald gar nicht mehr auffiel. … Es kamen verschiedene Zubereitungsarten des Fleisches auf, und da der Brauch einmal bestand, verbreitete er sich auch über die Provinzen, so daß aller Orten in Egypten Fälle vorkamen." (Abd al-Latif al Bafgdadi: Relation de l'Egypte par Abd-Allatif. Impr. Impériale, Paris 1810)
Im Mittelalter war es in Europa bis ins 18. Jahrhundert hinein durchaus Brauch, die Körperteile von Hingerichteten und deren Blut an Mediziner und Pharmakologen zu verkaufen. Das Fett („Armensünderfett“) und das Fleisch („Schelmenfleisch“) der „armen Sünder“ wurden zu allerlei magischen Ingredienzien weiterverarbeitet, die man teilweise schluckte, teilweise sich als Salben ins Gesicht und auf den Körper schmierte. Dieser sogenannte medizinische Kannibalismus war weit verbreitet. Auch dem Pulver von zermahlenen Mumien schrieb man große Heilkräfte zu.
Aus dem 17. Jahrhundert existiert ein Rezept eines deutschen Mediziners und Pharmakologen, in dem er die Zubereitung von menschlichem Muskelfleisch beschreibt. Der englische König Karl II. (1630 bis 1685) soll sogar täglich eine Tinktur zu sich genommen haben, die „Des Königs Tropfen“ genannt wurde und aus destillierten menschlichen Gehirnen bestanden haben soll.
Am 21. Juli 1867 wurde der englische Missionar Thomas Baker in dem Dorf Nabutautau auf den Fidschi-Inseln von den Eingeborenen verspeist. Er hatte einen Tabubruch begangen, denn es galt auf den Fidschi-Inseln als Beleidigung, wenn man die Haare eines anderen berührte. Im Jahr 2003 entschuldigten sich die Bewohner der Insel in feierlicher Form bei den Nachfahren Bakers, womit dieser Vorfall als historisch belegt angesehen werden kann.
In unserem Jahrhundert erregte 2003 der Fall von Armin Meiwes Aufsehen. Der Berliner Bernd Brandes antwortete auf eine Internetanzeige von Meiwes und stellte sich als Opfer für ein kannibalisches Essen zur Verfügung. Mit Einwilligung des Berliners hatte Meiwes ihn nach eigener Aussage vor laufender Kamera getötet und Teile seines Körpers gegessen. Im Mai 2006 wurde er dafür zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes und Störung der Totenruhe verurteilt.
Wie man sieht, ist auch heute die Geschichte des Kannibalismus und seiner Anhänger noch lange nicht zu Ende erzählt. Man sollte sich daher immer fragen, wenn jemand einem gesteht, dass er einen zum Fressen gern hat, ob er nicht hinter dem Rücken schon Messer und Gabel wetzt.

(Dan)



Witchers News, Jg. 4, Nr. 21 vom 01.02.2012, S. 40-45


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