Monstergrotte

http://www.witchers-journal.de/media/content/wn24_mg-wraith-02.png

Die Erscheinung

Langsam neigte sich das Bier in meinem Krug dem Ende zu. Ich warf einen Blick in meine Börse, doch da herrschte eine ebensolche gähnende Leere wie in meinen anderen Taschen. Der Wirt kam an meinem Tisch vorbei, der in der Dunkelheit, die im hinteren Teil der Schenke vorhielt, nur schwer auszumachen war. Es war besser so. Ich wollte den anderen Gästen, die lärmend und saufend an den übrigen Tischen saßen, ja mit meinem Anblick nicht die gute Laune verderben.
Ich nickte dem Wirt zu, leerte den Krug mit einem Schluck und gab ihm mit einem Wink zu verstehen, dass er ihn wieder auffüllen sollte. Ein ärgerlicher Zug huschte über sein Gesicht, doch als ich mich nach unten beugte und das Bündel mit den noch warmen Kadavern anhob, wehrte er mit einem abergläubischen Zeichen ab und griff mit zitternden Händen nach dem irdenen Gefäß.
Gut so! Einige Biere auf Kosten des Hauses waren ja nun wirklich nicht zu viel verlangt für die Lösung seines Ungezieferproblems; unten in den Vorratsräumen im Keller. Ungeziefer! Alter Geizkragen! Ausgewachsene Werratten hatte ich dort vorgefunden, zwar putzig anzusehen, wenn sie auf ihren Hinterbeinen den aufrechten Gang imitieren, doch ungemein gefährlich, wenn man zu weit in ihr Territorium vordrang. Der Wirt konnte froh sein, dass sie ihn nicht gekratzt oder gar gebissen hatten. Nun, nach der Infizierung und Umwandlung wäre das zumindest optisch gesehen für ihn eine Verbesserung gewesen …
Eine „nette“ Stadt war das, in die es mich verschlagen hatte. Zu nett für meinen Geschmack. Überall zufriedene Menschen, ordentliche Straßen, es gab keinerlei Streitigkeiten, kein einziges Verbrechen, wenn man mal vom Service in der Schenke absah, keine Monster - bis auf die besagten Werratten - und somit keine lohnende Arbeit für mich.
Nur Friede, Freude, Eierkuchen. Zum Kotzen!
Es gab eigentlich nichts, was mich noch in diesem vermaledeiten Hort der Glückseligkeit hielt. Warum hatte ich dann diesen seltsamen Ort nicht bereits auf dem schnellsten Weg verlassen? Bevor noch jemand auf die dreiste Idee kam, ich wäre ein Monster, das man zur Strecke bringen müsste? Ich spreche da aus Erfahrung. Habe das alles schon erlebt, inklusive der Mistgabeln und Fackeln. Die Menschen kommen wahrlich auf seltsame Ideen, wenn sie zu viel Zeit zum Nachdenken haben. Nun, der Grund war, dass ich noch nicht weg konnte. Ich wartete noch auf jemanden, der erst in Kürze in dieser Stadt eintreffen würde, und ich hatte mein Wort gegeben, hier auf ihn zu warten.
Der Wirt kam erneut, stellte zitternd einen größeren Krug mit schäumenden Bier vor mir ab; dazu noch einen Teller mit Brot, Käse und einem Stück Fleisch, so groß, dass locker zwei Personen davon satt geworden wären. Ich lächelte ihn dankbar an, was ihn noch mehr zu erschrecken schien. Rasch verschwand er aus meinem Blickfeld. Ich zuckte mit den Schultern, riss das Brot in Streifen, tunkte es in den Fleischsaft und verschlang es gierig. Spülte es mit einem guten Schluck Bier runter. Dann versenkte ich meine Zähne tief in den noch dampfenden Braten und kaute genussvoll auf dem zarten Muskelfleisch herum. Noch ein Schluck Bier. Fleisch, Brot, Bier, dann wieder Fleisch. Als letztes nahm ich mir den würzigen Käse vor, der die ganze Mahlzeit auf eine recht angenehme Art abrundete.
Ich war noch dabei, die letzten Reste meines umfangreichen Mahls aus den Zahnzwischenräumen zu entfernen, als die Tür zur Schenke rüde aufgestoßen und ich aus den Augenwinkeln heraus gewahr wurde, wie ein junger Mann hereingestürmt kam, sich stracks an die Theke begab und mit bebender Stimme einen doppelten Roggenwodka bestellte, den er in einem Zug die Kehle hinunterstürzte, nur um daraufhin noch einen weiteren zu bestellen. Natürlich erlitt dieser dasselbe Schicksal wie sein Vorgänger. Einen dritten verweigerte ihm der Wirt allerdings kopfschüttelnd und stellte die Flasche wieder unter den Tresen.
„Das geht jetzt schon fast zwei Wochen so“, raunte der Wirt mir im Vorübergehen zu, „fast jeden Tag kommt er in diesem Zustand hier rein, bestellt seine zwei Wodkas und rauft sich verzweifelt die Haare. Seine Probleme möchte ich nicht haben ...“
Interessant.
Ich betrachtete den jungen Burschen genauer. Seine Kleidung war unordentlich und anscheinend in aller Eile angelegt worden, denn er hatte sein Hemd auf links gezogen, sodass die Nähte als unschöne Wülste auf seiner Schulter zu sehen waren. Die Hose schlackerte ohne Gürtel um seine Hüften und die Schuhe passten farblich nicht zueinander. Vielleicht war aber gerade dies auch Absicht, wer weiß?
Sein Gesicht war bleich, das Haar stand ihm wirr vom Kopf ab und eine dünne Schicht von kaltem Schweiß bedeckte seine Stirn. Die Pupillen waren erweitert und seine Atmung ging schnell und flach, als wäre er vor jemandem oder etwas geflohen. Ich konnte seine Angst bis an meinen Tisch heran riechen. Todesangst. Und noch etwas anderes war klar: Wer oder was auch immer bei ihm für diesen jämmerlichen Zustand verantwortlich war, es bedeutete Arbeit für mich. Bezahlte Arbeit.
Ich nahm meinen noch halbvollen Bierkrug, löste mich aus der Dunkelheit meines Tisches und begab mich langsam an den Tresen. Sein Kopf ruckte herum und er sah mich mit seltsam leerem Blick an, schien sich jedoch nicht an einem weißhaarigen Mann mit schwefelgelben Augen zu stören, dessen Gesicht eine lange furchteinflößende Narbe zierte. Die Tatsache, dass er nicht vor mir zurückschreckte bestärkte mich nur in der Erkenntnis, dass er bereits schlimmeres zu Gesicht bekommen hatte als einen Hexer. Ich kam ohne Umschweife zur Sache:
„Ihr braucht die Dienste eines Hexers! Was liegt an?“
Der Mann starrte mich an, öffnete den Mund, schloss ihn darauf gleich wieder und warf einen verzweifelten Blick auf das leere Glas vor ihm. Ich fixierte den Wirt mit meinen Augen und sofort erschien wie von Zauberhand die Flasche mit dem Roggenwodka und das Glas wurde wieder aufgefüllt. Er nippte kurz daran und fing dann an zu sprechen. Es sprudelte nur so aus ihm heraus. Ich erfuhr, dass er aus Wyzima gekommen war, um das Erbe seiner verstorbenen Großmutter anzutreten, zu dem auch das Haus gehörte, in dem er aufgewachsen war. Leider hatte seine Ahne nicht viel von Ordnung gehalten, sodass er es nicht verkaufen konnte, da kein Nachweis über den rechtmäßigen Besitz zu finden war. Was wiederum die Bank freute, die in diesem Fall ein Anrecht auf das Anwesen hatte. Das war jedoch nur das kleinere Übel. Wesentlich schlimmer war, dass er schon seit seiner Ankunft von einer Erscheinung verfolgt und gequält wurde, deren Wirkungskreis sich zu seinem Glück im Unglück allerdings rein auf das Haus beschränkte.
„… und wer kauft schon ein Haus, in dem es spukt? Ach, soll sich doch die Bank und dieser vermaledeite Vivaldi damit abmühen. Wenn sie sich schon das Haus unter den Nagel reißen wollen, dann gefälligst mit Geist!“
„Soweit muss es nicht kommen. Gegen eine kleine Aufwandsentschädigung von sagen wir 200 Oren kümmere ich mich gerne um Euer Problem. Heuert mich an und ich verspreche Euch, das Haus ist spätestens am Abend von der Erscheinung befreit.“
Ich streckte ihm meine Hand entgegen und nach kurzem Zögern schlug er in den Handel ein. Ich leerte mein Bier und stand auf.
„Lasst uns also keine Zeit verlieren! Mein Silberschwert ist frisch geölt und lechzt nach einer Aufgabe.“

Das Haus war unscheinbar, aber von imposanter Größe. Anders als die anderen in seiner Nähe, die sich dicht an dicht drängten, stand das zweigeschossige Gebäude für sich allein. Kein Wunder, dachte ich, dass Vivaldi mit dieser Immobilie liebäugelte. Im Inneren war rasch ersichtlich, dass hier zeitlebens eine ältere Frau gelebt hatte. Die Wände zierten Blümchentapeten und der Plüsch- und Kitschfaktor war kaum zu übersehen. Es gab keine freie Stelle auf Polstern oder Tischen, die in allen möglichen Größen die Räume bevölkerten, auf der nicht ein selbst gehäkeltes Zierdeckchen lag. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Der Wolfskopf auf meiner Brust begann zu zucken.
Der junge Mann, der sich auf dem Weg als Toam vorgestellt hatte, hielt sich noch in unmittelbarer Nähe der Eingangstür auf und es war ihm anzusehen, dass er jetzt überall lieber wäre als hier.
„Wo habt Ihr die Erscheinung zuletzt gesehen, Toam?“
Er wies mit der Hand nach oben.
„Im ersten Stock. Dort gibt es ein Zimmer, in dem meine Großmutter ihre letzten Tage verbrachte. Es ist das größte, nicht zu verfehlen ...“ ein lautes Kreischen unterbrach ihn. Es hallte noch eine ganze Weile nach, bevor es endgültig verstummte. Der Wolf tobte.
„Wartet hier“, ich zückte mein Silberschwert, träufelte etwas Geisteröl auf seine Klinge und verteilte es großzügig darauf. Sicher war sicher. „Was immer auch gleich geschehen mag oder was Ihr ansonsten hört oder zu hören glaubt, Ihr bewegt Euch nicht von der Stelle, habt Ihr mich verstanden?“
Toam nickte, als das Kreischen wieder einsetzte. Mit Entsetzen presste er seine Hände gegen die Ohren. Ich konnte es ihm nicht verübeln.
Das Zimmer war wirklich nicht zu verfehlen. Zudem stand die Tür weit offen, sodass der Vorteil der Überraschung sogleich dahin war. Ich trat mit erhobenem Schwert ein. Kaum hatte ich einige Schritte getan, als ich einen Luftzug spürte und die Tür hinter mir ins Schloss fiel. Ich brauchte nicht am Knauf zu rütteln, um zu wissen, dass sie nun fest verschlossen war und es bleiben würde, bis ... nun, bis es halt vorbei war. War unten im Eingangsbereich der Einrichtungsstil kaum zu ertragen gewesen, so setzte der Zustand dieses Zimmers dem Ganzen noch die Krone auf. Ein riesiges Bett mit Baldachin und schweren rüschenbesetzten Vorhängen dominierte das Zimmer. Die Wände waren mit Regalen zugestellt in denen kleine Figuren aus fein bemaltem, gebrannten Ton standen. Tausende davon. Eine von ihnen zeigte tatsächlich einen Mann in Angriffspostion, das obligatorische zweite Schwert auf dem Rücken. Lächelnd stellte ich die Figur wieder zurück, wirbelte im gleichen Moment herum und richtete die Spitze meines Schwertes direkt auf die widerliche Fratze der Erscheinung, bereit zum Schlag. Tatsächlich war ich schon dabei, mit der Klinge auszuholen, um dem schändlichen Treiben ein rasches Ende zu bereiten, als …
„Haltet ein!“, die Stimme der Erscheinung hallte nach. Die Ketten, die um Brust und Arme des Torsos geschlungen waren, rasselten und klirrten.
„Warum sollte ich?“, erwiderte ich misstrauisch.
„Ich will dir kein Leid zufügen! Wo ist Toam?“
Vorsichtig senkte ich die Klinge ein wenig. „Woher kennst du Toam, Geist?“
Die Erscheinung lachte. Es klang schaurig.
„Toam ist mein Enkelsohn. Nie würde ich zulassen, dass ihm etwas Böses zustößt.“
„Ach, ist das der Grund, warum du ihn immer wieder zu Tode erschreckt hast, seit er im Haus ist?“
Die Erscheinung wehrte meinen Einwand mit beiden Händen ab.
„Ich wollte ihn nicht erschrecken! Seit er hier ist versuche ich ihm etwas mitzuteilen, doch immer, wenn ich mich ihm nähere, rennt er schreiend und mit zugehaltenen Ohren davon.“
Kein Wunder, dachte ich bei mir, hast du dich schon mal im Spiegel betrachtet? Ich schwieg jedoch wohlweislich, da Erscheinungen, auch wenn sie so redselig waren wie diese, unberechenbar reagieren konnten.
„Und was wolltest du ihm mitteilen?“
„Komm mit, dann zeige ich es dir!“ Die Erscheinung schwebte zu dem grässlichen Baldachinbett und wies mit ihrer scharfkralligen Klaue auf die hölzernen Verzierungen an der Fußseite des Bettes. Meine Hand strich vorsichtig über das Holz und schon bald spürte ich eine kleines Relief, das sich eindrücken ließ. Ein Mechanismus schnappte ein und eine geheime Lade öffnete sich. Mehrere prall gefüllte Waschlederbeutel und etliche Pergamentrollen kamen zum Vorschein. Ich überflog sie. Es handelte sich dabei um das Testament und die Besitzurkunde über dieses Haus sowie über einige andere Häuser in der besten Lage der Stadt. Ich pfiff anerkennend.
„Nun, Toam ist ein gemachter Mann, wie mir scheint. Und ich befürchtete schon, er würde mich nicht anständig entlohnen können. Womit wir bei einem anderen Problem wären.“
„Was für ein Problem?“, das geisterhafte Wesen verschränkte die Arme vor der Brust.
„Nun, dein Enkel bezahlt mich dafür, dass ich dich vertreibe. Den knarrenden Treppenstufen zufolge gehe ich davon aus, dass der Hasenfuß sich ein Herz gefasst hat und bald vor der Tür stehen wird. Ohne Kampflärm kann ich meinen Lohn nicht einfordern. Du verstehst mein Dilemma?“
Die Erscheinung lachte laut und schrill. Auf dem Flur war ein Poltern zu hören. Wahrscheinlich war Toam vor Schreck gestolpert und hatte sich rücklings auf seinen Hosenboden gesetzt.
„Keine Sorge, Hexer, von unserem Gespräch bekommt er nichts mit, dafür ist die Tür zu massiv, aber einen Kampf, den kann ich dir noch liefern, wenn du mir im Gegenzug versprichst, dass mein Enkel sein ihm zustehendes Erbe auch erhält!“ Ich nickte zustimmend.
„Und du wirst dann dieses Haus und ihn in Ruhe lassen?“
Mein Gegenüber nickte ebenfalls, packte im nächsten Augenblick mit einem gellenden Schrei ein Regal und warf es um. Die Figuren darin zerschellten mit ohrenbetäubenden Lärm.
„Ich konnte diese Dinger ohnehin nicht leiden“, zischte sie, „mein Mann brachte immer welche von seinen Handelsreisen mit, der alte Schuft! Betrogen hat er mich mit jungen Dingern, Mägden und Dirnen, während er unterwegs war!“
Voller Wut warf die Erscheinung noch ein Regal um. Beim dritten stoppte ich sie. Dann nahm ich mein Schwert und ging auf das Bett zu. Mit ein, zwei Hieben und unter lautem Gebrüll fielen die Vorhänge zerfetzt zu Boden.
„Das war echte Spitze aus Vergen“, tadelte sie mich. „Sie waren trotzdem potthässlich“, knurrte ich zurück und fegte noch einige Zierdeckchen von einem Tisch in der Nähe, den ich dann, nach kurzem Zögern, auch noch umwarf.
Zufrieden sahen wir uns um. Das sollte reichen. Mit einem letzten schrillen Schrei, der abrupt endete, verschwand der Geist von Toams Großmutter, nicht ohne mir vorher noch zuzuzwinkern. Kaum war sie fort, da öffnete sich auch die Tür und Toam stolperte herein.
„Wie ich es Euch versprochen habe, werter Toam, dieses Haus ist nun seinen ungebetenen Gast los. Und ich konnte noch mehr in Erfahrung bringen“, erklärte ich dem staunenden jungen Mann und zeigte ihm meine „Entdeckung“ am Fußende des Bettes.

„Na, Geralt, es muss für dich ziemlich langweilig gewesen sein, hier die ganze Zeit tatenlos auf mich warten zu müssen“, Rittersporn lächelte verschmitzt, „nun, dafür geht die nächste Runde auf mich!“
Ich sah dem Barden nach, als er an den Tresen stolzierte, um seine Bestellung aufzugeben. Nun, langweilig würde ich die Zeit in dieser Stadt im Nachhinein wirklich nicht nennen. Tatenlos? Wohl kaum. Vergnügt dachte ich an den prall gefüllten Waschlederbeutel an meinem Gürtel. Toam war so erfreut gewesen, dass ich sein beträchtliches Erbe gerettet hatte, dass er mir mein Honorar glatt verfünffacht hatte. Vorsichtig griff ich in die Brusttasche meines Wams und zog die kleine Figur hervor, die ich vor der Vernichtung durch die Erscheinung hatte retten können. Ich betrachtete den kleinen Hexer im Schein der rußigen Lampen und steckte ihn wieder fort, bevor der Barde ihn zu Gesicht bekam. Ich kannte Rittersporn zu gut. Mit einem entzückten Aufschrei würde er sonst solange betteln, bis ich entnervt aufgab und ihm am Ende das kleine Ding überließ …

http://www.witchers-journal.de/media/content/wn24_mg-wraith-01.png

Erscheinungen bzw. Geister gibt es häufig in der Welt des Witchers. Sie treten in vielerlei Gestalt zutage, darunter auch als Mittags- oder Nachterscheinung, die aufgrund ihrer speziellen Todesumstände entstehen. Der Geist, mit dem es Geralt in dieser Geschichte zu tun bekommt, ist einer, den eine unerledigte Aufgabe noch an die diesseitige Welt bindet und verhindert, dass er ganz ins Jenseits hinübergehen kann. Zu diesen unerledigten Aufgaben können Rache an denen gehören, die ihren Tod verschuldet haben, Sorgen um die nächsten Verwandten oder die simple Tatsache, dass man einfach zu sehr am bisherigen Leben gehangen hat, mit all seinen Freuden und Lastern, die man jedoch jetzt nicht mehr alle ausüben kann. Geralt begegnete auf einer seiner Reisen einer Erscheinung, deren Leidenschaft der Würfelpoker war und von der er auch im Tode nicht lassen konnte.
Die meisten Geister jedoch sind nur gefährlich für diejenigen, die ihnen in der Nacht oder in verlassenen Grüften und alten Gemäuern begegnen. Welchen Schmerz sie im Leben auch ertragen mussten, nun, im Tode, geben sie diese Pein ohne Zögern an die weiter, die das Pech haben, ihnen zu Nahe zu kommen.
Wenn man eine Erscheinung loswerden will, so ist es zunächst von Bedeutung, dass man die Stelle findet, wo der Körper des Unseligen begraben worden ist. Dies kann in einer Ecke eines Friedhofes sein, wo die Obrigkeit die Gesetzlosen verscharrt hat oder überall dort, wo man die Opfer von Gewaltverbrechen und anderen Umständen in ungeweihter Erde bestattet hat. Gräbt man nun diesen Leichnam aus, wird man zu seiner Überraschung feststellen, dass er kaum verwest ist. Berichten von Augenzeugen zufolge soll sogar frisches Blut auf den Lippen des Toten gefunden worden sein. Um eine Erscheinung nun daran zu hindern, weiterhin ihr Unwesen zu treiben, ist es vonnöten, den Leib mit Holz von der Espe zu durchbohren und den Kopf abzutrennen, den man zwischen die Beine platziert und das ganze anschließend solange flambiert, bis nichts mehr übrig bleibt. Eine Prozedur, die man möglichst nur mit leerem Magen vollziehen sollte. Eindeutig nichts für Zartbesaitete.
Hat man diese Anweisungen genauestens befolgt, so kann man sicher sein, dass die Erscheinung für immer verschwinden wird.
Ein Hexer hat zudem die Möglichkeit, einen Geist mit Hilfe seines Silberschwertes ins Jenseits zu befördern. Um die Wirkung, die dieses Edelmetall an sich schon besitzt, zu unterstützen, bestreicht er das Schwert zuvor mit etwas Geisteröl, das aus einer Mischung von Rebis, Hydragenum, Caelum und Äther besteht. Hexer benutzen den schnellen Kampfstil, um Erscheinungen zu bekämpfen, die gegen Gift und Schmerz immun sind und bei denen auch das Blenden und Bluten keinerlei Wirkung zeigt. Nach erfolgreichem Kampf wird der Hexer mit Ektoplasma und Todesstaub belohnt, die er aus den Überresten seines Gegners extrahieren kann. Beides sind wertvolle Alchemiezutaten, die zu anderen Tränken und Ölen weiterverarbeitet werden können.

Ob es Geister, Erscheinungen oder Gespenster wirklich gibt, ist höchst umstritten. Viele Menschen behaupten schon mal in ihrem Leben einen Geist gesehen zu haben. Oftmals werden Orte, an denen große Schlachten stattgefunden haben oder die auf andere Art und Weise geschichtlich relevant sind, angeblich von Geistern heimgesucht, die - wie in der Welt des Witchers - noch mit ihrem früheren Leben verbunden sind, sei es, um über der Familie zu wachen, Rache zu nehmen oder einfach nicht loslassen zu können.
Alte Burgen, offene Moore, aber auch alle anderen Orte, an dem empfindsame Seelen zu Tode gekommen sind, ob gewaltsam, durch Unfall oder friedlich sei hier mal dahingestellt, sind prädestiniert für Gespenster- und Spukerscheinungen. Geschichten von solcherlei Geschehnissen werden nicht selten hinter vorgehaltener Hand kolportiert und von Generation zu Generation weiter gegeben. Auf diese Weise entstehen Legenden und Mythen.
Eine dieser Legenden erzählt die Geschichte der Gräfin Agnes von Orlamünde, deren Mann Otto im Jahre 1340 starb und der die junge Witwe mit zwei Kindern, einem Sohn im Alter von drei und einer Tochter, die gerade zwei geworden war, allein zurückließ.
Kurz nach seinem Tode begann sie angeblich ein Liebesverhältnis zu dem Burggrafen von Nürnberg: Albrecht, dem Schönen. Die Witwe saß auf der Plassenburg bei Kulmbach und dachte daran, sich mit Albrecht wieder zu verheiraten. Da wurde ihr zu Ohren getragen, dass Albrecht gesagt haben sollte: „Gern wollt ich dem schönen Weib meinen Leib zuwenden, wo nicht vier Augen wären." Die Gräfin dachte, er meine damit ihre beiden Kinder und dass diese einer Vermählung mit Albrecht im Weg stehen würden. Da trug sie, blind vor Leidenschaft, einem ihrer Diener auf, die beiden Kinder zu ermorden.
Der Geschichte nach sollen nun die Kinder den gedungenen Mörder ängstlich um ihr Leben angefleht und gebeten haben. „Lieber Hayder, lass mich leben! Ich will dir Orlamünden geben, auch Plassenburg des neuen, es soll dich nicht gereuen", soll der Junge gesagt haben. Die Tochter hingegen sagte: "Lieber Hayder, lass mich leben, will dir auch meine ganze Mitgift geben." Der Mörder tötete die beiden Kinder aller Angebote zum Trotz. Die Leichname der beiden wurden im Kloster Himmelskron beigesetzt und werden heute wie ein Heiligtum verehrt. Angeblich sollen 200 Jahre nach ihrem Tode die Gräber geöffnet worden und die beiden laut Aussage einer Nonne genauso jung schön und unversehrt gewesen sein, wie am Tag ihres Ablebens.
Einer anderen Version nach soll die Gräfin die Kinder selbst getötet haben, indem sie ihnen Nadeln in ihre zarten Hirnschalen gesteckt haben soll. Dem Grafen versuchte sie vergeblich weiszumachen, die Kinder wären an einer Krankheit gestorben. Der Burggraf aber hatte unter den vier Augen die seiner beiden Eltern gemeint und weigerte sich, die Gräfin zu heirateten, für die er nun nur noch Verachtung empfand. Einigen Gerüchten zufolge ging sie, von ihrem Gewissen gepeinigt, barfuß nach Rom und starb, als sie heimkehrte, vor der Himmelskroner Kirchentür. Ebenso wird erzählt, dass sie in mit Nadeln und Nägeln gespickten Schuhen von Plassenburg nach Himmelskron ging und gleich beim Eintritt in die Kirche tot niederstürzte.
Seitdem wandelt sie angeblich in der Nacht am Berge zu Orlamünde als weiß verhüllte Frau umher, geplagt von Kummer und Schmerz und anscheinend auf der Suche nach ihren Kindern.
Geister sind aus der Literatur und den modernen Medien nicht mehr wegzudenken. Oscar Wilde veröffentlichte 1887 in London die Geschichte vom „Gespenst von Canterville“. In dieser Geschichte bezieht die amerikanische Gesandtenfamilie Otis das Schloss Canterville, in dem seit Jahrhunderten besagtes Gespenst haust, das bislang jeden Gast zu Tode erschreckt, in den Selbstmord oder die Flucht getrieben hat. An den beiden Söhnen der Familie, Zwillinge genauer gesagt, beißt sich das Gespenst jedoch die Zähne aus. Stattdessen lehren diese beiden mit mechanischen Tricks und Fallen ihrerseits dem Geist das Fürchten. Auch der Rest der Familie zeigt sich relativ unbeeindruckt von der Existenz des Gespenstes, lediglich die junge Virginia zeigt Mitleid mit dem Gespenst und erlöst es letztendlich.
Unzählige Filme sind bisher zu Geisterthemen gedreht worden und nicht immer sind die ungebetenen Gäste so freundlich wie „Casper, der Geist“. Oft sind sie bösartig und grausam, wie in „13 Geister“, und nur selten versuchen sie Hinterbliebene zu beschützen wie Patrick Swayze in „Ghost – Nachricht von Sam“.
Eine interessante Parallele zu dem oben genannten Verfahren, um Erscheinungen loszuwerden, findet sich in der Serie „Supernatural“. Hier werden, um die Geister für immer ins Jenseits zu schicken, die Leichen der Verstorbenen ausgegraben und ihre Körper mit Salz bestreut, das in der Dämonologie als Synonym für die Ewigkeit steht, da es sowohl Geister abwehrt als auch vor Dämonen schützt. Anschließend werden die Körper mit Benzin übergossen und angezündet, damit die Geister für immer ihre Ruhe finden. Manche Dinge ändern sich eben nie.
Ob es nun Geister wirklich gibt, kann hier nicht abschließend beantwortet werden, wenngleich der Gedanke, dass eine verstorbene Person nicht für immer von uns gegangen ist, sondern ein Teil von ihr auf Erden zurückbleibt, auch etwas Tröstliches haben kann.

(Dan)



Witchers News, Jg. 4, Nr. 24 vom 01.08.2012, S. 37-43


StartseiteTeamImpressumNach oben