Geschichten


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Rabenherz


Kapitel 16

Tuomas merkte schnell, dass sein Vorhaben Janni aus seinem Kopf zu verbannen nicht umzusetzen war. Egal wo er auch war und egal was er machte, er erwischte sich dabei, wie er nach ihr Ausschau hielt. Bisher leider ohne Erfolg.
Was er auch versuchte, er konnte sie einfach nicht vergessen und auch seine seltsamen Träume hatten nicht aufgehört….

*

Tuomas flog. Genauer gesagt, Sulka flog und Tuomas sah die Welt aus ihren Augen vorbeiziehen. Von hier oben sah alles so winzig aus, so unscheinbar. Nur er schien hier zu zählen.
Er erkannte sein Haus und das Wäldchen mit dem See dahinter, sah die Felder vorbeiziehen, die von so weit oben nur wie grüne und gelbe Quadrate aussahen. Er war so hoch, dass die Wolken beinahe Sulkas Flügel berührten. Das Gefühl zu fliegen war herrlich. Er fühlte sich so frei und alle seine Sorgen waren auf einmal von ihm abgefallen. Die Luft war angenehm frisch und der kühle Wind belebte seine Sinne, ließ ihn aufmerksamer werden.

Schon bald konnte er den Wald erkennen, der groß und dunkel unter ihm aufragte. Sulka flog jetzt tiefer, mitten durch das Blätterdach in den Wald hinein. Die Bäume standen an dieser Stelle sehr dicht und ließen kaum Sonnenschein hindurch. Sulka jedoch bewegte sich sicher und wusste anscheinend genau, wohin sie flog. Nun war das schöne Gefühl vorüber und wich einem unbehaglichen, bedrückenden Gefühl, welches immer stärker wurde, je tiefer sie ins Unterholz flogen. Unten schlängelte sich ein kleiner Trampelpfad durch die Bäume. Er war kaum zu erkennen. Vor ihnen tauchte ein großes Felsmassiv auf, in das eine Höhle zu führen schien. Sulka flog daran vorbei und wenig später über eine kleine hölzerne Hütte hinweg, welche mit dem Fels verbunden war. Wohnte hier etwa jemand? Es sah so aus. Doch wer würde freiwillig an solch einem Ort leben wollen, mitten im Wald und von allen Menschen abgeschnitten?
Hier war es seltsam. Tuomas hatte den Platz noch nie gesehen, auch wenn er schon so oft im Wald unterwegs gewesen war. Irgendetwas ging hier vor sich, da war er sich sicher.

Sulka war schon wieder weitergeflogen. Ein Flüsschen kam in Sicht, das sich durch den Wald schlängelte. Es endete bald in einem Weiher, der auf einer schönen Lichtung lag. Hier hatte auch die Sonne wieder ihren Weg in den Wald gefunden und ließ den Platz wie magisch leuchten. Das Gras, in dem Sulka sich im nächsten Moment niederließ, war saftig grün und sehr weich (die Sonne ließ Sulkas Gefieder glänzen und schön schimmern.) Hier ließ es sich wirklich gut aushalten, doch auch diesen Ort umgab eine fremde Aura.
Langsam bewegte sich die Räbin nun auf den Weiher zu, beugte sich dann hinunter um etwas von dem kühlen Wasser zu trinken. Als sie den Kopf wieder hob, kräuselte sich das Wasser von der Bewegung. Es dauerte aber nicht lange und die Oberfläche war wieder glatt wie ein Spiegel. Doch, anstatt wie erwartet der gespiegelten Sulka, leuchteten ihm auf einmal 2 meeresblaue Augen entgegen, welche sich eindeutig in Jannis Gesicht befanden, das ihn direkt anblickte.
Wieder dieser flehende Blick. Diese Hilflosigkeit und Trauer … Ihn durchzuckte ein stechender Schmerz, als er sie ansah. Janni… sein Rabenmädchen… seine Liebe… wie hatte er nur mit dem Gedanken spielen können sie zu vergessen? Er musste ihr doch helfen!

*

Tuomas erwachte im nächsten Augenblick. Sein Herz schlug schnell von der Aufregung des Traums. Er wusste sofort was er nun tun würde. Diese Lichtung im Wald, diese seltsame Höhle und die Hütte… sie hatte eindeutig etwas mit Janni und scheinbar auch mit Sulka zu tun und vielleicht fand er mehr heraus, wenn er diesen Ort aufsuchte. Nachdem er sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, verlor er keine Zeit mehr. Sofort zog er sich an, aß noch einen kleinen Happen und machte sich auf in den Wald. Zum Glück war der starke Regen der letzten Tage mittlerweile vorbei. Zwar war es noch etwas kühl, doch das würde die Sonne bald ändern.

Den Weg zum Wald kannte er in und auswendig und auch die Waldwege, die darin verliefen. Doch diese ging er heute nicht entlang, denn sie würden ihn heute nicht zu der richtigen Stelle führen.
Er ging den Waldrand entlang zu der Stelle, an der Sulka im Traum in den Wald geflogen war und betrat ihn auf diesem Weg. Er hoffte sich noch genau erinnern zu können und er hatte tatsächlich Glück und fand den Trampelpfad nach einer kleinen Weile. Nun sollte auch die Höhle leicht zu finden sein. Er musste den Weg schließlich nur lange genug entlanggehen. Der Pfad war stark überwuchert und der Boden war schlammig, weshalb er nur langsam vorrankam, aber das machte ihm nichts. Hauptsache er erreichte sein Ziel.

Doch plötzlich kam es ihm vor, als würde er gegen eine unsichtbare Wand laufen. Er hatte er das Gefühl seine Füße würden streiken. Sie wollten einfach nicht mehr vorwärtsgehen! Er konnte sie noch nicht einmal einen Zentimeter weiter in Richtung der Höhle bewegen. Was war denn das auf einmal? So etwas hatte er noch nie erlebt und wenn er nicht selbst betroffen wäre, hätte er es auch nie für möglich gehalten. Es schien, als wollte ihn etwas davon abhalten, den Weg weiter entlang zu gehen und was er auch versuchte, er konnte nicht dagegen ankämpfen. Das war doch zum Verrückt werden!
Er musste schlussendlich kapitulieren, auch wenn ihm das ganz und gar nicht gefiel. Missgelaunt, verwirrt und ratlos trat er den Heimweg an.

Zu Hause wurde er von einem fröhlichen Krächzen begrüßt. „Sulka.“ Ein Lächeln erschien auf seinen Lippen als er seine Rabenfreundin seit langer Zeit wieder erblickte. „Ich dachte schon, du hättest mich vergessen“, sprach er schmunzelnd und kam auf sie zu. Sofort stupste sie ihn an und krächzte noch einmal. Er strich ihr über den Kopf: „Ich hoffe dir geht es gut?“

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Es war schön, endlich wieder bei ihm sein zu können und wie es schien, hatte er mein Raben-Ich ebenfalls vermisst. „Mir ist gerade etwas Seltsames passiert“ erzählte Tuomas „Ich wollte zu einer Stelle im Wald, doch ich konnte einfach nicht zu ihr gelangen… Es kam mir vor wie Zauberei. Wirklich merkwürdig…“ Eine Stelle im Wald… Zauberei… ich horchte auf. Er konnte nur von meinem Zuhause sprechen. Er hatte wirklich versucht dorthin zu kommen? Aber wie konnte er davon wissen? Meine Frage wurde sogleich von ihm beantwortet „Weißt du, ich habe schon seit einiger Zeit diese seltsamen Träume. Dieses Mal kamst du darin vor. Du flogst und ich sah die Welt aus deinen Augen. So gelangte ich zu diesem seltsamen Ort im Wald… Ich bin mir sicher, er hat etwas mit einem bestimmten Mädchen zu tun… Sie heißt Janni. Sie kommt in jedem dieser Träume vor und ich bin mir ganz sicher, dass sie meine Hilfe braucht…“ Als er diese Worte sprach, begann mein Herz schneller zu schlagen. Er träumte von mir?? Die ganze Zeit schon? Ich hätte ihn nun aus großen Augen angeschaut, doch das konnten Raben ja nicht. So legte ich einfach den Kopf schief. Tuomas lächelte. Es sah etwas gequält aus. „Ich weiß, das klingt verrückt und ich dachte auch eine Zeit lang, ich würde mir das Alles vielleicht nur einbilden, doch dann hab ich sie getroffen…“ Er hielt kurz inne. „Es war auf dem Mittsommerfest...“, erzählte er dann weiter. Sein Lächeln sah nun wieder fröhlich aus und ich konnte ein schönes Leuchten in seinen Augen sehen. „Auf einmal stand sie da und ich wusste sofort wer sie ist. Wir tanzten zusammen und redeten. Es war wunderbar. Sie kam sogar mit zu mir nach Hause, da sie ihren letzten Bus verpasst hatte und nicht mehr zurück ins Internat gekommen wäre. Wir verbrachten ein wunderschönes Wochenende zusammen, doch dann verschwand sie…“ er senkte leicht den Kopf „Ich hatte so gehofft, heute etwas mehr über sie herauszufinden,… denn weißt du,… ich glaube ich liebe sie.“

Schock! Beinahe wäre ich rückwärts umgekippt. Hatte er gerade wirklich gesagt, dass er mich liebte??! Mich? Ich fragte mich ob mich nicht verhört hatte.
Oh, wie sehr wünschte ich mir nun mal wieder mich einfach verwandeln zu können, ihm zu sagen, dass ich es bin, Janni, das Mädchen.
Konnten Raben eigentlich hyperventilieren? Mir kam es jedenfalls so vor. Wie würde Tuomas wohl reagieren, wenn ich einfach umfallen und bewegungslos, mit hochgestreckten Füßen auf dem Boden liegen bleiben würde? Ich glaube, er wäre etwas irritiert, also beschloss ich das besser sein zu lassen. „Ich muss sie einfach wiedersehen. So schnell wie möglich.“ Meinte Tuomas gerade. „Und dann muss ich ihr das Alles sagen. Das letzte Mal habe ich mich nicht getraut. Ich dachte sie würde mich für verrückt halten…“ Wie hätte ich nur. Aber das konnte er natürlich nicht wissen. Ich verstand seine Bedenken. Und doch wünschte ich, er hätte schon früher mit mir darüber geredet. Dann wäre es mir an Mittsommer auch leichter gefallen, ihm die Wahrheit zu sagen.
Doch beim nächsten Vollmond würde sich das ganz sicher ändern.

(Ani)

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Witchers News, Jg. 4, Nr. 21 vom 01.02.2012, S. 36-39


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