Geschichten


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Rabenherz


Kapitel 14

Am späten Vormittag erwachte Tuomas schließlich wieder. Er hatte gut geschlafen und fühlte sich nun ausgeruht. Janni schlief wahrscheinlich noch. Er wollte sie noch nicht wecken und sie stattdessen mit einem Frühstück überraschen. Das würde sie sicher freuen. Den Zettel, der auf dem Couchtisch lag beachtete er nicht.
Er machte sich sogleich an die Arbeit, bereitete ein schönes Frühstück - mit allem was dazugehörte - zu und wenig später stand er mit einem Tablett vor der Schlafzimmertür, klopfte kurz an und öffnete dann.
Doch zu seiner Überraschung fand er ein leeres Zimmer und ein unordentliches Bett mit zerwühlten Laken vor. Keine Janni. „Vielleicht ist sie schon früher aufgestanden und ist gerade im Bad…“ War wohl doch nichts mit Überraschung. Wirklich schade. Er hätte ihr so gerne eine Freude gemacht.
Er stellte das Tablett in der Küche ab und ging dann zum Bad um nachzusehen, ob Janni dort war.

Doch auch dort war sie nicht. Ebenso wenig wie in der Küche. Sogar im Garten hatte er nachgesehen. Nichts. Keine Spur von Janni. Sie war einfach verschwunden. Als hätte sie sich in Luft aufgelöst…

Resigniert ließ er sich aufs Sofa fallen und da entdeckte er auch den Zettel, den sie hinterlassen hatte:

Musste leider schon los. Ich wollte dich nicht wecken. Tut mir leid.
Vielen Dank für das wunderschöne Wochenende!
Janni

Er hielt ihn noch lange in der Hand, auch wenn er ihn schon längst gelesen hatte.
Warum verschwand sie einfach, ohne ein Wort? Sie hatten doch so eine schöne Zeit miteinander verbracht, da konnte sie doch wenigstens auf Wiedersehn sagen. Und so früh konnte sie doch wohl nicht abgeholt werden!
Es hätte ihm nichts ausgemacht, geweckt zu werden. Nicht, wenn sie es getan hätte und nicht, wenn er dann die Möglichkeit gehabt hätte, sich von ihr zu verabschieden.
Es machte ihn traurig und – das musste er ehrlich zugeben – auch wütend. So etwas machte man einfach nicht. Und wenn sie wirklich schon so früh abgeholt wurde, hätte sie ihm das doch gestern Abend sagen können, oder nicht?

Außerdem hatte er ihr doch von seinen Träumen erzählen wollen. Warum hatte er das nicht schon gestern getan? „Weil ich zu feige war und dachte, ich hätte alle Zeit der Welt“ antwortete er sich sogleich in Gedanken.
Würde er sie überhaupt widersehen? Und wenn ja, wann? Alles Fragen, auf die er keine Antwort kannte.

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„Ihr habt euch wirklich geküsst??“ Miro blickte mich aus großen Augen an. Ich nickte nur, hätte als Mädchen rote Wangen gehabt. Miro freute sich zwar, doch man merkte ihm auch an, dass er eifersüchtig war. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Es musste schwer für ihn sein, das zu hören. „Das Wochenende war einfach wundervoll“ ich lächelte innerlich verträumt als sich die wunderschönen Momente noch einmal in meinem Kopf abspielten. Miro jedoch ersparte ich die Details. Das würde ihn nur traurig machen.
„Aber ich vermute, du hast ihm noch nichts von diesem Fluch erzählt?“, hörte ich ihn in Gedanken fragen. „Nein…“, antwortete ich. „Ich… konnte es nicht. Es schien mir noch zu früh…“
„Aber du weißt schon, dass du es ihm irgendwann erzählen musst?“ Wieder nickte ich „Natürlich. Aber ich denke es würde sich etwas seltsam anhören, wenn ich gleich beim ersten Treffen sage: `Ach übrigens bevor ich‘s vergess: Ich bin eigentlich die meiste Zeit über als Rabe unterwegs, da mich eine böse Hexe verzaubert hat. Das macht dir doch nichts aus, oder?´“ Miro schmunzelte „Ja, du hast recht, das würde ihn wohl etwas verwirren. Also musst du wohl warten, bis ihr euch das nächste Mal seht.“
Wenn das nur nicht so lange dauern würde… ich fragte mich, wie ich diese Zeit wohl überstehen sollte…

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Tuomas hatte genug von diesen ganzen Fragen. Er wollte Antworten. Und ihm war gerade eine Idee gekommen, wie er diese bekommen konnte. Das Internat. Er musste nur die Telefonnummer suchen und dort anrufen, dann konnte er sicher mit Janni sprechen.
Also schnappte er sich sein Telefonbuch und begann zu suchen. Schon nach kurzer Zeit hatte er die Nummer auch schon gefunden.

Nachdem es ein paar Mal geklingelt hatte, stellte sich eine Frau vor: „Guten Tag, Nadja Joikkinen vom Internat Sankt Brigitta. Was kann ich für Sie tun?“ „Guten Tag. Mein Name ist Tuomas Holopainen. Ich würde gerne mit einer ihrer Schülerinnen sprechen. Sie heißt Janni… den Nachnamen weiß ich nicht. Ich habe sie auf dem Mitsommerfest getroffen. Sie hat leider etwas bei mir vergessen...“
„Einen Moment bitte, ich schaue schnell nach…Tut mir leid, aber Sie müssen sich geirrt haben. Wir haben keine Schülerin namens Janni.“

Was?! Aber Janni hatte doch gesagt, dass sie auf diese Schule geht! „Oh, dann muss ich mich wohl verwählt haben…“ Er versuchte gefasst zu klingen. „Entschuldigen Sie die Störung.“ Tuomas verabschiedete sich und legte dann auf.

Wie konnte das sein? Hatte er sich vielleicht wirklich nur in der Schule geirrt? Er sah noch einmal ins Telefonbuch, doch dies war das einzige Internat im Umkreis.
Janni hatte also gelogen…. Das auch noch. Die Sache wurde immer seltsamer und Janni immer geheimnisvoller. Erst verschwand sie ohne ein Wort und dann das… Tuomas war nun noch verwirrter und wütender als zuvor. Wer war dieses Mädchen und was hatte sie zu verbergen? War überhaupt irgendwas, das sie ihm erzählt hatte wahr? Und dieser Kuss? Ihre Blicke mit dem sie ihn angesehen hatte, all diese kleinen Gesten…. Was war damit? War das etwa auch alles nur gespielt gewesen? Das alles war doch zum verrückt werden! „Ich sollte sie mir aus dem Kopf schlagen… Wahrscheinlich sehe ich sie sowieso nie wieder…“

(Ani)

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Witchers News, Jg. 3, Nr. 19 vom 01.10.2011, S. 35-37


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