Geschichten


http://www.witchers-journal.de/media/content/rabenherz-ueb04.jpg


Rabenherz


Kapitel 10

Irgendwann musste ich es ihm sagen, das wusste ich. Doch wann und vor allem wie? Ich hatte Angst, dass er mir nicht glauben würde.
Mittlerweile war der Mond, der bis dahin hinter einigen Wolken verborgen war, wieder zum Vorschein gekommen und ließ das Wasser des Flusses wie tausende Kristalle glitzern. Ich beobachte das Schauspiel fasziniert.

Doch plötzlich erhaschte ich einen Blick auf mein Spiegelbild im Wasser und fuhr so heftig zusammen, dass ich beinahe vom Geländer gefallen wäre, hätte ich mich nicht gerade noch festklammern können. Mein Spiegelbild zeigte nicht das Mädchen, das ich im Moment war, sondern einen Raben, der neben Tuomas auf dem Geländer saß. Tuomas war durch meine plötzliche Reaktion ebenfalls zusammengezuckt und sah verwirrt zu mir. Ich musste etwas unternehmen, um zu verhindern, dass er mein Spiegelbild sah.

Ich handelte ohne nachzudenken und drehte mich schnell um, wobei ich schon wieder beinahe das Gleichgewicht verlor, sprang vom Geländer und drehte Tuomas von selbigem fort. Überrascht blickte er mich an, doch bevor er etwas sagen konnte, hatte ich mich schon zu ihm gebeugt und ihn geküsst. Das war das Einzige, was mir im Moment eingefallen war, auch wenn ich mich heute frage, wie ich mich das nur hatte trauen können.

Ich merkte, dass er den Kuss zögernd, aber sanft erwiderte. Mir kam es vor, als stünde ich unter Strom, so sehr kribbelte es. Mein Herz schlug schneller und schien dann wie die Welt für einen kurzen Moment stillzustehen. Und ich wünschte sie wäre wirklich stillgestanden, damit dieser Moment ewig andauerte.

Doch der Kuss war nur kurz und schon löste ich mich langsam wieder von ihm. Als ich ihn anblickte lief ich sofort rot an. „T…tut mir leid, ich ...“, stammelte ich benommen, doch er legte mir sanft einen Finger auf die Lippen und lächelte mich an. Ich stand noch immer wie versteinert nah vor ihm und blickte zu ihm hinauf, genau in seine grauen Augen, die so unendlich tief waren. Ich fragte mich, welche Geheimnisse sie wohl verbargen?
Er erwiderte meinen Blick und nun war ich erst recht nicht mehr in der Lage mich von ihm abzuwenden. Er zog mich ganz in seinen Bann, wie ein Magnet. „Du musst dich nicht entschuldigen“, flüsterte er und nahm den Finger wieder von meinen Lippen. Immer noch blickten wir uns an und ich merkte gar nicht, dass wir uns langsam immer näher kamen. Es war als würde ich magisch von ihm angezogen.

Unsere Lippen berührten sich fast, waren nur noch um Haaresbreite voneinander entfernt, als plötzlich ein blonder Haarschopf direkt neben uns auftauchte. Wir zuckten zurück und erkannten einen frech grinsenden Emppu. „Die halbe Stunde ist vorbei, ihr Lieben“, meinte er und holte uns schlagartig wieder in die Wirklichkeit zurück. „Kommt, lasst uns wieder zur Tanzfläche gehen. Ihr habt mich jetzt lang genug alleine gelassen.“ Er zwinkerte verschmitzt. Und damit war dieser wunderschöne Moment verflogen. Vielleicht hatte es so sein sollen, doch ich war trotzdem ein wenig enttäuscht. Dieser Kuss ... so kurz er auch gewesen sein mochte, er war unglaublich gewesen. Wie oft hatte ich mir vorgestellt wie es wäre ihn zu küssen und nun war es wirklich passiert. Endlich hatte ich Tuomas so nahe sein können, wie ich es mir immer gewünscht hatte und ich wusste nun noch sicherer als zuvor, dass ich zu ihm zurückkehren wollte. Dass ich mein Leben mit ihm verbringen und für immer bei ihm bleiben wollte. Um Momente wie diesen so oft wie möglich zu wiederholen.
Doch wie konnte ich mir da so sicher sein? Schließlich kannte ich ihn noch nicht lange. Mein Gefühl sagte mir, dass es richtig war und dass mich etwas mit ihm verband. Etwas, das so stark war, dass es unmöglich zu zerreißen war.

http://www.witchers-journal.de/media/content/rabenherz-trenner.jpg

„Ein Zentimeter noch, ein Zentimeter! Das war ja wohl mal wieder perfektes Timing. Typisch Emppu, ich wette er hat das mit Absicht gemacht.“ Aber ...
Sie hatte ihn wirklich geküsst! Tuomas konnte es immer noch nicht ganz glauben. Der Kuss war wunderbar gewesen und er hatte etwas gespürt, das er zuvor noch nie so gespürt hatte. Auch ihr schien der Kuss gefallen zu haben. Während sie zurück zur Tanzfläche gingen, blickte sie immer wieder zu ihm.

Warum sie ihn wohl geküsst hatte? War es einfach so über sie gekommen oder steckte mehr dahinter? Er würde es wohl nie erfahren.
„Ich habe sie immer noch nicht gefragt“, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf. „Wenn ich sie nicht frage, werde ich es nie wissen ...“ Warum konnte er sich nicht einfach überwinden?

Inzwischen waren sie an der Tanzfläche angekommen. Diese jedoch war mittlerweile völlig überfüllt. „Ich glaube es hat keinen Sinn mehr uns hier reinzuzwängen“, rief Tuomas durch den Lärm der Musik. Er drehte sich zu den anderen. Emppu und Janni nickten. „Ist auch schon ziemlich spät“, erwiderte Emppu. „Ich glaube, ich geh mal nach Hause.“ Er gähnte.
„Du willst sicher auch nach Hause, oder?“ Tuomas drehte sich zu Janni. „Nun ja ... eigentlich schon, aber ...“ Vorsichtig schielte sie auf seine Armbanduhr. „Ich ... glaube, ich hab meinen letzten Bus verpasst.“ Verlegen blickte sie ihn an.
„Hmmm ..., das ist natürlich doof. Kann dich keiner abholen?“
„Mmh, leider nein, ich geh zu Zeit in ein Internat, das in der Nachbarstadt. Mann, das gibt bestimmt Ärger morgen.“ Zerknirscht blickte sie zu ihm auf, doch nicht weil sie Angst vor dem Ärger hatte, sondern weil sie ihn nun tatsächlich angelogen hatte.
„Ich könnte dich fahren, ich habe ein Auto.“
„Sinnlos, nachts ist die Pforte zu und es macht keiner auf. Ich würde vor verschlossener Tür stehen.“
„Das ist tatsächlich ein Problem ...“ Er überlegte: „Also ... Wenn du willst, könntest du mit zu mir kommen. Ich wohn nicht weit von hier“, bot er ihr dann an. Hoffentlich verstand sie das nicht falsch. Er wollte nur einen schönen Abend mit ihr verbringen, sie etwas besser kennenlernen. Nichts weiter.

http://www.witchers-journal.de/media/content/rabenherz-trenner.jpg

Er lud mich doch tatsächlich zu sich nach Hause ein! Das hieß, dass er mich wirklich zu mögen schien, oder? Das reichte ja wohl weit über normale Höflichkeit hinaus. Es lief alles viel besser als ich es mir erhofft hatte. Ich durfte noch mehr Zeit mit ihm verbringen und das sogar bei ihm zu Hause, wo wir ganz ungestört waren. Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer und am liebsten wäre ich ihm vor Freude um den Hals gefallen. Doch ich hielt mich zurück. Was würde er denn sonst von mir denken ... Schließlich wusste er ja nicht, dass ich mich unsterblich in ihn verliebt hatte. Also lächelte ich ihn nur strahlend an. „Oh, wirklich? Das wäre wirklich toll. Vielen, vielen Dank!“


Wir machten uns gleich darauf auf den Weg. Tuomas' Haus lag nur 10 Minuten entfernt. Vor der Haustür blieben wir stehen und ich wartete, bis er die Tür aufgeschlossen hatte. Dann traten wir in das mir schon sehr vertraute Haus. „Hast du Hunger?“ Er blickte mich fragend an, woraufhin ich nickte. „Und wie!“
„Gut, dann mach ich uns mal was zu essen.“ Er hängte den Hausschlüssel an den entsprechenden Haken an der Wand. „Du kannst solange im Wohnzimmer warten, wenn du magst. Die erste Tür links. Ach und falls du jemanden anrufen willst, kannst du gerne mein Telefon benutzen. Du willst ja sicher Bescheid sagen, dass du hier bist.“
Ich nickte abermals. „Ist gut.“

In Tuomas' Wohnzimmer angekommen setzte ich mich aufs Sofa, lehnte mich zurück und schloss kurz die Augen. Ich merkte, dass ich bereits ziemlich müde war. Heute war einfach zu viel passiert. Und trotzdem hatte ich es ihm nicht gesagt. Aber vielleicht war das auch für den Anfang gut so? Wenigstens kannte er mich jetzt. Ich musste nur aufpassen, dass ich rechtzeitig wieder von hier verschwand. Ich hatte noch den ganzen nächsten Tag, doch wenn übermorgen die Sonne aufging, verwandelte ich mich wieder in einen Raben.

Bevor ich noch weiter darüber nachdenken konnte, kam Tuomas mit einem Teller voll belegter Brote und etwas zu trinken zurück. Er stellte alles auf dem Wohnzimmertisch ab und setzte sich dann neben mich. „Erzähl mir doch mal ein wenig von dir“, meinte er, „Ich weiß noch gar nichts über dich.“ Er blickte mich an und angelte sich nebenbei ein Brot von dem Teller. Ich nahm mir ebenfalls eins.
Na toll ... was sollte ich ihm jetzt sagen? Die Wahrheit? Nein ... besser nicht. Auch wenn es mir nicht ganz gefiel, ich musste ihn wieder anlügen. Hoffentlich nahm er mir das später nicht übel, aber aus irgendeinem Grund konnte und wollte ich ihm die Wahrheit noch nicht sagen. „Also ich ... bin im Waisenhaus aufgewachsen. Meine Eltern sind gestorben als ich noch ganz klein war.“ Bis dahin stimmte es sogar noch.
„Oh ... das tut mir leid. Das war sicher nicht leicht für dich“, entgegnete Tuomas.
„Ist schon in Ordnung. Ich kannte sie ja kaum und im Waisenhaus war es gar nicht so schlimm wie man erzählt. Ich fand ein paar Freunde, die es mir dort leichter gemacht haben.“
„Jetzt bist du aber nicht mehr im Waisenhaus?“
Ich schüttelte den Kopf. „Als ich 8 Jahre alt war, wurde ich von einer Frau adoptiert. Zurzeit lebe ich aber in dem Mädcheninternat.“
„Und gefällt es dir?“
„Es geht so ... Es herrschen leider ziemlich strenge Regeln, aber es ist auszuhalten.“ Ich lächelte leicht.

Wir redeten noch bis spät in die Nacht hinein und ich erfuhr auch einige Dinge aus Tuomas' Leben. Zum Beispiel, dass er in seiner Freizeit mit seinen Freunden in ihrer gemeinsamen Band spielte, für die er unter anderem die Songtexte schrieb und dass er gerne angeln ging und Disney-Filme mochte. Ich selbst hielt mich mit Erzählen eher zurück, da ich ihm nicht noch mehr Lügen auftischen wollte.

Mir fielen fast die Augen zu, Tuomas merkte das. Auch er sah sehr müde aus. „Ich glaube, wir gehen besser schlafen, es ist ja auch schon fast 3 Uhr morgens.“ Er gähnte.
„Gute Idee“, erwiderte ich ebenfalls gähnend.
„Du kannst gerne mein Bett haben. Ich geb mich mit dem Sofa zufrieden.“
„Ist nicht nötig, ich kann auch das Sofa nehmen.“
Er schüttelte den Kopf: „Ich bestehe darauf.“ Er zwinkerte schmunzelnd und ich gab mich geschlagen.
„Also gut“, ich zwinkerte zurück. „Ist nett von dir.“ Ich war einfach zu müde, um lange zu diskutieren.

Nachdem er mir das Bad und das Schlafzimmer gezeigt hatte, holte er noch schnell Decke und Kissen für sich, bezog sein Bett neu, wünschte mir eine gute Nacht und ließ mich schließlich allein. Ich ging noch schnell ins Bad und krabbelte dann unter die Bettdecke. Es dauerte nicht lange, da war ich auch schon mit einem Lächeln auf den Lippen eingeschlafen.

(Ani)

« zurück zum Kapitel 10***weiter zum Kapitel 12 »



Witchers News, Jg. 2, Nr. 14 vom 01.12.2010, S. 31-34


StartseiteTeamImpressumNach oben