Geschichten


Der Bardenwettstreit zu Carinthia


- zwölfte Fortsetzung -

Geralt langweilte sich. Wer ihn nicht genau kannte, sah es ihm kaum an, lediglich ein gelegentliches Zucken seiner Mundwinkel hätte ihn verraten können. Eigentlich war es, um bei der Wahrheit zu bleiben, auch nicht wirklich der Hexer, der sich langweilte, sondern vielmehr sein innerer, recht unfreiwilliger Gast mit dem Namen Rittersporn. Zu gerne hätte er auch so rigoros gegähnt wie René de Bellegout neben ihm, dessen Kopf zeitweilig schon auf die Tischplatte gesunken war. Zur Zeit, als wäre dem guten René der Kopf zu schwer geworden, ruhte dieser seitlich auf seiner Schulter. Ein kaum sichtbarer Speichelfaden bahnte sich seinen Weg von dem Mundwinkel, in dem er entstanden war, hinunter zum Kinn. Verfluchte Mutantenaugen!, schimpfte Rittersporn innerlich. Mit denen sah man wirklich mehr als einem lieb war!
Der Bardenwettstreit zog sich in die Länge wie eine der berüchtigten Reden von König Foltest, mit denen er jedes Jahr aufs Neue die geladenen Gäste zur Feier seiner Geburt langweilte. Kein Wunder, dass auffällig viele dieser Gäste im darauf folgendem Jahr irgendeine Ausrede vorschützten, um nicht wieder an den Feierlichkeiten teilnehmen zu müssen. Einer sollte Gerüchten zufolge sogar seinen Tod vorgetäuscht haben, doch Rittersporn konnte nicht sagen, ob dies wirklich den Tatsachen entsprach. Erwähnenswert an der Geschichte war nur, dass besagter Gast nach der Feier tatsächlich tot in seiner Kammer aufgefunden wurde.
Der Barde sah sich um. Auch den anderen Barden ging allmählich, aber sicher die Luft aus. Viele hatten es Bellegout gleich getan und schnarchten ungeniert vor sich hin. Die Lieder wurden zusehends lustloser vorgetragen, zumindest von den jüngeren Vertretern ihrer Zunft, die noch neu im Gewerbe waren. Die älteren, die um ihren Ruf besorgt waren und dazu auch allen Grund hatten, gaben sich wesentlich mehr Mühe und schafften es auch, die zusehends lethargisch werdende Zuhörerschaft zumindest für die Dauer ihres Auftritts wieder etwas aufzuheitern.
Malin von Versfeld schmatzte zufrieden vor sich hin. Wahrscheinlich gingen die vorgetragenen Balladen bei ihm in das eine Ohr rein und beim anderen wieder raus, dachte Rittersporn belustigt. Dazwischen hingegen gab es wohl nichts als Leere, in der der einzelne Wunsch nach einem warmen Bett, einer guten Mahlzeit und einer willigen Maid, sofern sich seine Lenden noch an ihre Möglichkeiten erinnern konnten, ungehört herumirren mochte. Malin war ein Opportunist, wie er im Buche stand, das wusste der Barde noch aus seiner Studienzeit; er hatte selten eine eigene Meinung und würde am Ende, wenn es um die Entscheidung beim Wettbewerb ging, sicherlich sein Fähnchen mit dem Wind flattern lassen. Nicht auffallen, sich niemanden zum Feind machen. Ganz anders hingegen stand es um Ansgar und die schöne Gwenhyfher. Beide lauschten interessiert, machten sich Notizen und lächelten jedem Teilnehmer freundlich zu, nachdem sie ihren Vortrag beendet hatten.
Verdammt, die schöne Gwenhyfher trug ihren Beinamen nicht zu Unrecht! Rittersporn ertappte sich mehr als einmal dabei, wie er zu ihr hinüber schielte. Das blieb nicht unbemerkt. Auch die einzige Jurorin warf ab und an einen kurzen Blick auf den stattlichen Hexer, der neben ihr saß. Einmal trafen sich ihre Blicke sogar und Rittersporn spürte, wie die Hitze in ihm aufstieg und chemische und andere Prozesse in dem für ihn immer noch ungewohnten Körper in Gang setzte, die er nicht kontrollieren konnte. Er war ganz froh, dass er gerade saß, denn im Stehen, nun ja, wäre wenigstens eine besondere Regung von Geralts Leib mit Sicherheit nicht lange unentdeckt geblieben.
Warum Gwenhyfher? Er erinnerte sich noch allzu gut an ihr letztes Zusammentreffen. Er hatte wie immer seinen Charme spielen lassen, seine vielen Vorzüge ins Spiel gebracht und sogar eine zu Herzen gehende Ballade für sie geschrieben, die sie allerdings kaltherzig vor seinen Augen in der Luft in Fetzen gerissen hatte. Sie hatte ihn einen arroganten Schnösel genannt, einen selbstverliebten Pfau, der sofort, wenn die Natur ihm diese Möglichkeit offerieren sollte, nur noch sich selbst besteigen würde. Und wenn er der letzte Mann auf Erden wäre und sie die letzte Frau, würde sie mit Vergnügen von der nächstbesten Klippe springen, nur um seine Stimme nicht mehr hören zu müssen.
Das Ende vom Lied? Er war hinterher noch verrückter nach ihr, als zuvor. Wer wäre das auch nicht? Was für ein Temperament! Was für eine Leidenschaft! Und erst dieser pralle Hintern und diese wunderbaren, weichen … Rittersporn griff rasch nach dem Humpen mit frischen Bier. Am liebsten hätte er sich dessen Inhalt vorne in die Hose gegossen, um Geralts bestes Stück ein wenig abzukühlen, doch vor all den Anwesenden blieb ihm nur ein tiefer Schluck übrig, der wunderbar erfrischend seine Kehle hinunterrauschte. Er hatte noch nie einer Frau widerstehen können, die er so offensichtlich nicht die Seine nennen durfte. Die Zahl derer, auf die dies zutraf, konnte er allerdings bequem an einer Hand abzählen, denn am Schluss hatte er sie alle gehabt, außer Triss (ganz im Vertrauen fürchtete er sich zu sehr vor dieser Frau, sodass sich bei ihm rein gar nichts regen wollte; sicherlich ein Abwehrzauber ihrerseits), Foltest Frau (er hing halt an seinem Kopf und dessen festem Platz auf seinem Rumpf) und eben der schönen Gwenhyfher, für die Könige bereit waren zu sterben, wenn sie es wünschte.
Das Schicksal war ungerecht. Wahrscheinlich würde sie mit Geralt sofort die Laken teilen und sich hinterher jede einzelne seiner verschwitzten Narben ansehen und sich die Geschichten, die sich hinter ihnen verbargen, von ihm erzählen lassen. Hexer müsste man … aber heda, er war ja der Hexer! Zumindest im Augenblick. Vielleicht ergab sich ja doch noch ein …
Der Applaus für den letzten Teilnehmer ebbte ebenso schnell ab, wie er aufgebrandet war, sodass am Ende nur noch das begeisterte Klatschen der Hände von René de Bellegout zu hören war, der spontan aufgesprungen war und nicht einmal bemerkte, wie lächerlich er dabei wirkte. Mit Sicherheit handelte es sich bei diesem Sänger um einen der armen Teufel, der mit Bellegout einen Sangeskontrakt eingegangen war und der dem Juror nicht unbeträchtliche Teile von dessen Einkommen sicherte, wenn nicht sogar alles. Fast achttausend Oren waren ja auch kein Pappenstiel. Gewiss würde René dafür Sorge tragen wollen, dass einer seiner Schützlinge gewann. Nun, zum Glück hatten da sowohl Ansgar als auch Gwenhyfher und er noch ein gewichtiges Wort mitzureden. Nichts liebte Rittersporn mehr als die Aussicht, diesem untalentierten Banausen kräftig in die Suppe spucken zu dürfen.
„War das der letzte?“, fragte sie. Sein Bruder und Gwenhyfher stapelten ihre Notizen. Malin schreckte sichtlich aus seinem Dämmerzustand auf.
„Ich denke schon“, antwortete Ansgar und lächelte. „Dann können wir uns gleich zurückziehen und darüber abstimmen, wer nun gewonnen hat. Leicht wird es nicht, dazu sind ...“
Ansgar wurde unterbrochen. Der Klang einer Laute ertönte und eine Melodie, so sanft wie ein taubedeckter Morgen, schwebte durch die Räume. Hatten zuvor noch Gemurmel und knarrende Geräusche von Holz auf Holz in der Luft gelegen, so verharrte nun alles in Stille.
„Woher kommt die Musik?“, verlangte Malin zu wissen. Die anderen sahen sich nur an. Sie hatten keine Ahnung. Es war ihnen auch gleich. Zu sehr nahm sie dieses federleichte Spiel der Saiten gefangen. Dann begann eine Stimme zu singen und Rittersporn wusste hinterher nicht mehr zu sagen, wann er angefangen hatte, die Kontrolle über Geralts Gesicht zu verlieren. Er spürte nur, wie seine Wangen nass wurden und Geralts Narbe wie ein natürlicher Ablauf seine Tränen kanalisierte, bis sie auf sein Wams tropften.

„Gardhrain ameriol an ngovaded i amrûn goll,
i astrog nallol, toltho thoron a thoged nin,
an min gûr nín celin gaul long,
si bedin na rath Fair,
padol rath Fair, padol rath Fair.

Boe enni maded, darthad, dan ú-belin caedo,
i ross tôl, loen, nad ú-chirnin a thobad nin,
lû anann na hirin i mâr nín
si bedin na rath Fair,
padol rath Fair, padol rath Fair.

Ithil eriol, dolthol raith erib nan genid glass
in elin thinnar, i vôr danna, câr 'ardh gostad
dartha dínen a mreithad Menel,
si bedin na rath Fair,
padol rath Fair, padol rath Fair.“

Drei weitere Strophen folgten, vorgetragen von dieser Stimme, die einem Engel gehören musste. Rittersporn war verwirrt. Wer war dieser Sänger? Oder war es gar eine Bardin? Er glaubte, das Lied zu kennen, doch ihm wollte partout nicht einfallen, woher und vor allem vom wem es war. Nur eines stand definitiv fest: Wer immer auch gerade mit dieser engelsgleichen Zunge gesungen hatte, war der Gewinner dieses Wettbewerbs! Alle anderen Beiträge waren lediglich Makulatur. Was Rittersporn zunächst nur bei sich zu denken wagte, sprach ausgerechnet derjenige laut aus, von dem er es am wenigsten erwartet hatte. René de Bellegout.
Sichtlich bewegt stützte er sich am Tisch ab. Sein Gesicht zeigte jene selige Gelöstheit, die auch bei allen anderen, mehr oder minder stark ausgeprägt, zu sehen war. Die Augen des Barden glänzten feucht und seine drei Kinnhaare zitterten schon fast unanständig.
„Silencium, meine werten Kollegen“, rief er in den Raum hinein und übertönte mühelos die immer lauter werdenden Gefühlsausbrüche der anderen, die sich in Schluchzen, gelöstem Lachen und aufgeregt geführten Diskussionen entluden, „ich glaube, unsere Suche hat ein Ende gefunden! Ich weiß, ich bin nicht wohl gelitten in unserer Zunft, doch ich bin durchaus in der Lage, wahre Größe zu erkennen, wenn ich sie höre. Das gerade eben war wahrlich das Wundervollste, Anrührendste, was mir bislang in meinem Leben zu Ohren gekommen ist!“ Er wandte sich an Ansgar, Gwenhyfher, Malin und an den Hexer, suchte in ihren Augen nach Zustimmung, die ihm auch einhellig gewährt wurde. „Ich glaube, ich spreche in diesem Moment für die ganze Jury, wenn ich sage, dass unser Gewinner jetzt feststeht. Wer immer auch derjenige sein mag, der unsere Herzen und unsere Seelen derart anzurühren vermochte, der möge nun vortreten, denn er ist der Sieger dieses Wettbewerbs, unser aller Meister! Wo bist du? Komm heraus und zeig dich uns, damit dir die Ehre zuteil werden kann, die dir gebührt.“
Fiona stand ebenso gespannt wie alle anderen Barden und Gäste mit offenem Mund und einem rasch schlagenden Herzen da. Ihre Hand hielt immer noch den Putzlumpen, mit dem sie einen der Tische abwischen wollte, der nicht zum Konstrukt der Jury gehörte. Sie hatte ihn während des Vortrages des unbekannten Barden regelrecht zerknüllt. Eine Hand schob sich sanft unter ihren Kiefer und schob ihn behutsam nach oben, bis sich ihr Mund mit dem klackenden Geräusch ihrer beiden Zahnreihen schloss. Ranold lächelte sie an und holte tief bewegt Luft.
„Schwesterchen, es ist soweit“, Fiona sah ihren Bruder mit einem verständnislosen Blick an, „hol unseren Vater! Der Moment, auf den er, auf den wir alle so lange gewartet und gehofft haben, scheint nun nahe. Spute dich!“
Sie nickte lächelnd. Der Putzlumpen fiel zu Boden, als sie ihre Kleidung richtete und ohne ein weiteres Wort auf dem Absatz kehrt machte, um die Treppe zum Gemach ihres Vaters hinaufzueilen.

Die Silberplatte fiel scheppernd zu Boden. Geralt war sofort hellwach. Zum Glück funktionierten seine guten Reflexe anscheinend auch in Rittersporns Körper tadellos. Ein leichter Schlaf und die sofortige Einnahme einer Verteidigungsposition mit Hilfe der am nächsten liegenden Waffe gehörte zu den Lektionen, die das Hexerleben ihn gelehrt hatte. Nun, Vesemir wäre wahrscheinlich von der dreizinkigen Gabel, die Geralt jetzt in der Hand hielt, nicht gerade beeindruckt gewesen, doch der Hexer wusste, dass in den richtigen Händen jeder Gegenstand zur tödlichen Waffe werden konnte. Die Gabel war immer noch gut genug, um damit einem etwaigen Angreifer die Halsschlagader zu zerfetzen, ganz gleich, wie lächerlich man dabei auch immer aussehen mochte.
Der Angreifer, es war besagte Silberplatte, war rasch identifiziert und wurde als definitiv harmlos eingestuft. Geralt kratzte sich am Kopf, gähnte lauthals und warf einen Blick auf die Essensreste, die im ganzen Bett verstreut neben ihm lagen. War da nicht noch ein Rest von der Hammelkeule gewesen? Er beugte sich über den Rand des Bettes, um auf dem Boden nachzusehen, ob das Stück Fleisch nicht vielleicht unter die Schlafgelegenheit gerollt war, aber vergebens. Es lag nicht einmal das kleinste Fitzelchen Essbares auf den blank gescheuerten Dielen. Na, dann eben nicht, dachte er und setzte sich auf. Tief aus seiner Körpermitte stieg, begünstigt durch seine zuvor beugende Bewegung, etwas auf, das sich schließlich als lang gezogenes, unanständig lautes Rülpsen entpuppte, das sich durch seinen weit geöffneten Mund fast eruptionsartig entlud.
„Nun, besser oben als unten“, murmelte der Hexer und grinste. Er hatte zwar gewusst, dass der Barde sehr stimmgewaltig sein konnte, doch das Geräusch eben hatte selbst ihn überrascht. Es steckte doch mehr in Rittersporn, als er dachte, mal abgesehen von dem Fünf-Gänge-Menü, das er dem Spatzenmagen des Barden zugemutet hatte.
Er lauschte. Es war verdächtig still. War der Wettstreit etwa schon zu Ende? Langsam und behäbig stand er auf, schloss mühsam den Hosenbund, den er zuvor zur besseren Aufnahme der ganzen Fressalien gelockert hatte, und kratzte sich ungeniert am Hintern. Geralt öffnete die Tür zum Flur. War da nicht eben ein Geräusch gewesen? Er wünschte sich, des Barden Ohren wären nicht so … normal. In seinem eigenen Körper hätte er ohne Mühe die Fliegen an der Wand furzen hören können, wenn er es gewollt hätte. Zum Glück konnte er seine Fähigkeiten gut kontrollieren und ganz nach Bedarf drosseln, ansonsten wäre so mancher heiße Sommer im von Mücken geplagten Kaer Morhen im doppelten Sinne unerträglich gewesen.
Er hatte sich nicht geirrt. Mit wehenden Schritten eilte Fiona, die liebreizende Tochter des grummeligen Wirtes, an ihm vorbei und rüttelte am Ende des Ganges an einer der Türen. Rittersporns Ohren waren zumindest so gut, dass er hören konnte, was sie durch die augenscheinlich verschlossene Tür rief.
„Vater, wach auf! Es ist soweit! Der Wettbewerb ist zu Ende. Wir haben einen Gewinner! Hörst du mich, Vater?“
Es rührte sich zunächst nicht viel in Leo MacDanolds Zimmer, doch dann war ein lautes Poltern zu hören. Wahrscheinlich war der gute Leo gerade aus seinem Bett gefallen, überlegte Geralt. Er konnte nicht hören, ob der Wirt seiner Tochter eine Antwort gab, doch das war auch gar nicht mehr nötig. Mit einem grimmigen Gesichtsausdruck schloss Geralt die Tür. Nun denn, was auch immer in dieser Stadt vor sich gehen mochte, bald würde es vorbei sein. Er brauchte noch nicht einmal sein Amulett, um zu spüren, dass sich das letzte Kapitel dieser Posse bald schließen würde. Da braute sich etwas zusammen, dass fast mit den Händen greifbar war.
Rasch richtete Geralt die Kleidung des Barden, wischte sich etwas Soße aus dem Gesicht und hauchte in seine offene Handfläche, die er dann zur Nase führte. Frisch war was anderes, doch es war nun nicht die rechte Zeit, um daran noch etwas zu ändern. Beim Hinausgehen zupfte er ein Minzeblatt aus den Haaren des Barden. Na also, geht doch, dachte er und steckte das Blatt samt Stängel in seinen Mund und begann, ausgiebig zu kauen. Minzfrisch, da kann selbst Rittersporn nicht meckern!

„Weiß man schon, wer der Barde ist, der gewonnen hat?“, Fiona war etwas außer Atem, als sie wieder bei ihrem Bruder angelangte, der sich in einem Gespräch mit Ansgar von der Vogelwiese befand. Ihr Bruder verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte sich an einen der Pfeiler, die die Decke der große Halle abstützten, und schüttelte den Kopf.
„Nein“, antwortete Ansgar an seiner Stelle, „bislang hat er sich nicht blicken lassen, wenn es denn ein Er ist. Wir stecken nun etwas in der Bredouille. Wenn der Gewinner sich nicht meldet, müsste der Titel an den Zweitplatzierten gehen. Den gibt es nur noch nicht, weil René ja so rasch den Unsichtbaren Barden zum Sieger ausrufen musste. Wenn die Situation sich nicht schnell klärt, gibt es ein Unglück, bei dem das Blutbad vor drei Jahren nur wie ein lächerlicher Kindergeburtstag wirkt.“
Fiona seufzte. „So schlimm steht es?“
Ehe Ansgar antworten konnte, erhob sich innerhalb der Menschenmenge im Raum ein lauter Tumult, doch weder Fiona noch Ansgar oder Ranold konnten von ihrem Standpunkt aus erkennen, was genau da gerade ins Rollen geraten war. Ansgar verdrehte nur die Augen und warf einen flehentlichen Blick gen Himmel. Er sah, wie Wolfram von Aschenbach sein Heil in der Flucht suchte und hoffte, dass der Barde mit dem silbernen Krähenschnabel heute nicht anwesend war, bevor er sich aufmachte, sich seinen Weg mitten durch die Menschenmenge zu bahnen.

Cailins Herz schlug ihm bis zum Hals, als er den letzten Ton seiner Laute durch den Raum schweben ließ. Die Stille, die daraufhin folgte, traf ihn härter, als er gedacht hatte, doch die alte Grid lächelte ihm mit ihrem jungen Gesicht aufmunternd zu.
„Sie werden es lieben“, hatte sie ihm vorher versichert und wie es schien, sollte sie mit ihrer Voraussage Recht behalten. Nach einigen Augenblicken, die ihm wie eine kleine Ewigkeit vorkamen, brauste in der großen Halle
der Jubel auf und er wurde von einer Welle der Emotionen, die sich von dort konzentrisch ausbreitete, beinahe überwältigt. Sein Blick verschwamm und er spürte das Zittern seines Körpers. Die ganze Anspannung, die ihn vor dem ersten Lautenklang erfasst hatte, fiel mit einmal von ihm ab und es war wiederum die alte Grid, die ihn stützte, als seine Beine ihn nicht mehr zu tragen vermochten.
„Hörst du, mein junger Prinz“, flüsterte sie süß in seine Ohren, „sie lieben es, sie brauchen es. Ihnen wird gar nichts anderes übrig bleiben, als dir den Sieg zuzusprechen, du wirst schon sehen!“
Er hörte die kurze Ansprache von René de Bellegout und konnte es kaum fassen. Er hatte tatsächlich gewonnen, hatte alle diese großen und berühmten Barden überflügelt und ihre Herzen im Sturm erobert!
„Es ist an der Zeit, junger Prinz, dich deinem neuen Hofstaat zu präsentieren und dir den verdienten Lohn für deine Kunst abzuholen. Worauf wartest du noch?“
Das wusste Cailin selbst nicht so genau. Ein Leben lang hatte er auf einen solchen Moment gewartet, ihn sich in seinen kühnsten Träumen immer und immer wieder in den herrlichsten Farben ausgemalt, die seine Fantasie hergab, doch nun, wo sein größter Traum wahr wurde, fühlte er, wie Angst und Unsicherheit seinen Körper zu lähmen begannen. Wie lange er dort so gestanden hatte, unfähig auch nur einen Muskel zu bewegen, konnte er später nicht mehr sagen. Es mochten ein oder zwei Minuten, vielleicht sogar deren fünf gewesen sein, bis schließlich die Zauberin ihre Hand auf seine Schulter legte und er wieder einmal dieses sanfte Kribbeln spürte, das, wie er nun wusste, von ihren Fingerspitzen ausging und seine Wirkung auch diesmal nicht verfehlte. Die Starre begann langsam von ihm abzufallen und er beruhigte sich zusehends.
„So ist es besser, junger Mann“, Grid massierte ihm ausgiebig den total verspannten Nacken. „Vielleicht ist es nicht das Geld, das dich lockt, aber es gibt in der großen Halle doch sicherlich etwas, was du ebenso sehr begehrst, nicht wahr?“
Cailin brauchte nicht lange zu überlegen.
„Fiona“, hauchte er ehrfurchtsvoll den Namen der Person, die ihm mehr bedeutete als alles Gold der Welt. „Ein Kuss von ihren Lippen ist mehr Lohn, als ich verdiene“, murmelte er leise, doch nicht leise genug.
„Quatsch mit Soße!“, zischte Grid. Cailin sah sie mit einem verzweifelten Blick an.
„Aber ihr Vater wird mich nie akzeptieren! Er kann mich nicht leiden, obwohl ich ihm nie ein Leid zugefügt habe!“
„Du nicht, das stimmt“, überlegte sie nachdenklich, „dafür aber jemand anderes. Sei doch nicht so ein Hasenfuß! Ich kann dir nur einen guten Rat geben: Nutze das Erbe deines Vaters und der Rest wird sich schon finden. Und was den Vater von Fiona angeht, da lass nur mich mal machen! Es gibt da noch eine alte Rechnung, die endlich einmal auf den Tisch gebracht werden muss. Ich glaube, einen besseren Zeitpunkt als diesen gibt es nicht. Worauf wartest du noch? Husch, Husch!“

Rittersporn profitierte von Geralts Größe. Mit Leichtigkeit überragte er einen Großteil der anwesenden Barden, sodass er sich nicht durch die Masse zu drängeln brauchte, um dasselbe wie Ansgar zu sehen, der sich mit Tritten und unter Einsatz seines extrem spitzen Ellbogens mühsam seinen Weg durch seine Kollegen erkämpfen musste.
Die Helligkeit im „Roten Löwen“ war einem diffusen Dämmerlicht gewichen, das lediglich durch unzählige brennende Kerzen, die Fiona und Ranold kurz nach Einbruch der Nacht im Schweiße ihres Angesichts entzündet hatten, vertrieben werden konnte. Die Sicht wirkte dadurch etwas verschwommen und unstet; die vielen einzelnen Lichtquellen verwirrten die Augen und es fiel schwer, sich längere Zeit auf einen Punkt im Raum zu konzentrieren, ohne dass einem die Tränen in die Augen stiegen.
Ohne Zweifel jedoch gut sichtbar war der neueste männliche Zugang im Raum. Es schien fast, als umschmeichle das anwesende Kerzenlicht seine hochgewachsene Gestalt. Es spiegelte sich in dem golden schimmernden Haar wieder, das von einem funkelnden Kopfreif gebändigt wurde, der von den wundervollsten Edelsteinen gesäumt war, die Rittersporn je gesehen hatte. Unübersehbar waren auch die spitzen Ohren, die den jungen Neuankömmling eindeutig als einen Vertreter der Elfen kennzeichnete. Es war lange her, dass er einen Barden der Elfen gesehen, geschweige denn getroffen hatte, seit die Stimmung im Reich sich gegen die Anderlinge gewendet hatte. Ein Laut der Verwunderung stahl sich lautlos von Geralts Lippen.
Er betrachtete den jungen Mann genauer. Seine Garderobe stand seinem Haarschmuck in puncto Geschmack und Erlesenheit in nichts nach. Das gesamte Gewand bestand aus einem grünen Brokatstoff, das mit einem filigranen Muster aus goldenen Blättern, Ranken und schlanken Blütenkelchen verziert war. Die Ärmel waren geschlitzt und enthüllten das darunter befindliche blütenweiße Hemd aus reiner Seide. Das Wams wiederum war mit silbernen Ornamenten durchwirkt, die einen hübschen Kontrast zu den kornblumenblauen Augen des Elfen bildeten. Ein schmaler, edelsteinbesetzter Gürtel und kniehohe Stiefel aus dem feinsten Leder diesseits und jenseits der neun Königreiche rundeten den imposanten Anblick ab, den der junge Elf abgab.
Rittersporn beschlich das seltsame Gefühl, diesen jungen Elf schon einmal gesehen zu haben. Da war etwas in den fein geschnittenen Gesichtszügen, das ihn innehalten ließ und eine Erinnerung weckte, die er allerdings noch nicht klar einzuordnen wusste. Ein unbekannter Schleier hielt sie noch in den Nebeln der Vergangenheit verborgen. Doch er würde schon noch darauf kommen.
Er hörte ein lautes Schnaufen neben sich. Malin von Versfeld hatte seinen nicht gerade schlank zu nennenden Körper auf einen Tisch gewuchtet und warf einen gehetzten Blick über die Menge hinweg. Sein Kopf war krebsrot angelaufen und sowohl die Schweißflecken unter seinen Achseln als auch der feine Perlenschleier auf seiner Stirn zeugten von der Anstrengung, die er gerade durchlitten hatte. Seine Augenbrauen bildeten ein weitschenkeliges V über den zusammengekniffenen Augen, hoben sich dann aber rasch zu einer Geste der Überraschung. Sein Mund öffnete sich zu einem kleinen o, und das war auch der erste Laut, der sich daraus hervorstahl. Er schüttelte ungläubig den Kopf, nahm ein fleckiges Tuch aus seiner Brusttasche und wischte sich unwirsch die Stirn und den Nacken trocken.
„Nein, das ist doch nicht möglich!“, flüsterte er leise, jedoch nicht leise genug, als dass Rittersporn es nicht mitbekommen hätte. „Das kann er nicht sein, ich sah doch mit meinen eigenen Augen, wie er starb. Alter Narr, das kann er gar nicht sein, das ist nicht Leolas …“
Leolas! Es war, als schnappe ein Schloss in seinem Inneren auf und gäbe endlich freie Sicht auf etwas, das lange Zeit hinter einer schweren Tür verborgen geblieben war. Mit einem Schlag erinnerte sich Rittersporn wieder an den Tag, an dem er dem großen Barden Leolas begegnet war, damals in seinem ersten Jahr in Oxenfurt. Warum war er nicht gleich darauf gekommen? Der Barde trug ja sogar dieselben Gewänder wie damals und es schien zudem, als wäre er auch seit jenem Tag um keine einzige Stunde gealtert. Und dennoch: Malin hatte ganz Recht. Das konnte nicht Leolas sein. Leolas war tot, vor etlichen Jahren vom Pöbel in Wyzima erschlagen. Selbst wenn er damals nicht gestorben wäre – Rittersporn selbst war kein Augenzeuge gewesen und kannte die Nachricht von seinem Tode nur vom Hörensagen – dann hätte auch die Zeit an ihm nicht ganz spurlos vorbeigehen dürfen, Elf hin oder her. Nein, das war nicht Leolas, auch wenn die anwesende Bruderschaft der Barden nur zu gerne Zeuge der Wiederauferstehung einer Legende gewesen wäre. Was allerdings eine andere Frage aufwarf: Wenn das dort vorn nicht Leolas war, warum trug er dann seine Kleider und war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten?
„Hast du das Rätsel schon gelöst, Geralt?“, raunte eine ihm vertraute Stimme, die seine nämlich, ihm zu. Er blickte in das konzentrierte Gesicht seines Freundes, dessen undurchdringliche Miene sich nicht entschlüsseln ließ. Es war ein wenig unheimlich, das eigene Gesicht so zu sehen … hey, war das etwa Soße, die er da im Mundwinkel sah? Der Barde prüfte sein Ebenbild genauer. Krümel am Wams, ein Fleck am Hosenbein und der Gürtel saß verdächtig locker über der Hüfte, über der sich ein kleines Bäuchlein zu wölben schien.
„Hattest du etwa wieder eine deiner Fressattacken, Hexer?“, zischte Rittersporn gereizt. Seine gelben katzenartigen Augen sprühten Funken. Geralt rieb sich nur gedankenverloren den Bauch, rülpste kurz, aber heftig und pulte mit einem improvisierten Zahnstocher ungeniert im Mund herum. Nun, das ist auch eine Antwort, dachte der Barde missmutig.
„Das ist nicht Leolas“, antwortete der Hexer stattdessen.
„Ach, als wäre ich inzwischen nicht schon selbst darauf gekommen. Die Frage ist doch vielmehr, wer dieser junge Elf dann ist?“
Ein Funken Belustigung flammte kurz in den Augen des Barden auf und der Mund über dem braunen Spitzbart verzog sich zu einem spöttischen Lächeln, das durchaus charmant zu nennen war.
„Mach doch einfach die Augen auf, Barde! Das ist Cailin …“

Das große Finale in der nächsten Ausgabe!

(Dan)

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Witchers News, Jg. 4, Nr. 24 vom 01.08.2012, S. 7-13


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