Geschichten


Der Bardenwettstreit zu Carinthia


- achte Fortsetzung -

„Nun bin ich also im Bilde darüber, was bislang geschehen ist, Geralt; doch sag mir, was ist da vorhin mit uns passiert? Was ist das für ein Zauber gewesen, der uns um die Ohren geflogen ist?“
„Ich weiß nicht, wie genau dieser Zauber genannt wird, dafür habe ich allerdings bereits eine gute Vorstellung davon, was genau dieser Zauber bewirkt hat...“
Rittersporn rieb sich die schmerzenden Augen. Durch die geschlossenen Lider drang allmählich wieder helleres Sonnenlicht. Langsam schwand die pechschwarze Nacht vor seinen Augen und machte Platz für ein hoffnungsvolles Orange.
„Ich glaube“, lachte er leise auf, “ich glaube, mein Augenlicht kehrt jetzt langsam zurück, Geralt!“
„Ich an deiner Stelle würde die Augen ruhig noch ein klein wenig länger geschlossen lassen, Rittersporn...“
„Warum sollte ich?“
Geralt lächelte und sah sich im Raum um. Sein Augenlicht war schon vor geraumer Zeit zurück gekehrt, was ihn, aufgrund der Wirkung des Zaubers, doch einigermaßen überraschte. Nun, er würde sicherlich mit den unmittelbaren Folgen besser zurechtkommen, als der Barde. Soviel war sicher, doch es schadete bestimmt nicht, wenn er es war, der Rittersporn sanft und schonend gewisse Veränderungen bei brachte. Geralt blähte die Backen auf und ließ die Luft geräuschvoll entweichen.
„So schlimm, Geralt? Sag mir, was genau mit uns passiert ist! Wächst mir ein Horn auf der Stirn? Fehlen uns Körperteile? Nun sag schon, was ist es! Spann mich nicht länger auf die Folter, Hexer!“
„Keine Sorge, mein Freund“, Geralts Stimme klang amüsiert, was den Barden gleich ein wenig beruhigte, “du brauchst keine Angst zu haben; unsere Körper sind unversehrt und so prachtvoll wie immer. Was den Zauber angeht so könnte man durchaus sagen, dass wahrscheinlich einer deiner geheimsten Wünsche in Erfüllung gegangen ist...“
„Was zum Teufel..“
Rittersporn hielt es nicht länger aus. Ungestüm riss er seine Augen auf und blinzelte zunächst geblendet von der frühen Morgensonne, die direkt in ihre Kammer schien. Es dauerte einen kurzen Moment, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Nichts im Raum hatte sich verändert. Zwei Betten, ein Tisch, zwei Stühle, ein Schrank, eine Kommode und ein Spiegel, in dem sich der Barde nun sehen konnte. Vorsichtig fuhr er sich mit der Hand an die Stirn, doch sein Spiegelbild weigerte sich, dasselbe zu machen. Rittersporn ließ die Hand wieder sinken, dann hob er die andere Hand und wedelte damit vor seinem Gesicht herum. Auf der anderen Seite passierte wieder nichts, ganz im Gegenteil. Sein Spiegelbild runzelte die Stirn, zog gar genervt eine Augenbraue in die Höhe und seufzte.
„Was machst du da, Barde?“
Was war das? Er sah, wie er selbst redete, doch Rittersporn hatte den Mund nicht aufgemacht. War der Spiegel etwa verflucht?
„Wenn du glaubst, du sitzt vor einem verhexten Spiegel, mein Bester, so muss ich dich leider deiner Illusion berauben“, sprach sein Spiegelbild weiter und winkte ihm zu, “Rittersporn, ich bin es, Geralt, gefangen in einem Bardenkörper, genauer gesagt, in deinem!“
„Oh, ihr Götter, “ fluchte der Barde und sah, wie Geralt, nein er - oder war es doch sein Spiegelbild? - langsam aufstand und auf ihn zu kam. Sein Kopf schmerzte und mit Schrecken erkannte er, dass sein guter Freund Geralt die Wahrheit gesagt hatte. Aber wenn Geralt nun in seinem Körper steckte, dann musste er sich doch zwangsläufig in Geralts Körper befinden.
Seine Hände, groß und schwielig und zum Laute zupfen sicherlich ganz und gar ungeeignet, berührten sein Gesicht. Da war sie, die lange Narbe, die quer über das Auge verlief, die scharfkantige Nase und der schmallippige Mund, hinter der sich eine solch wendige Zunge verbarg, die den zwei Schwertern auf seinen Rücken in nichts nach stand. Die Finger glitten durch das lange milchige Haar, welches offen über seiner Schulter hing. Rittersporn atmete schwer. Verdammt, wie hatte das passieren können?
„Ganz ruhig, Rittersporn“, Geralt, nein eigentlich er, kniete vor ihm nieder und umfasste mit seinen nun feingliedrigen Händen das Gesicht des Hexers. Er lächelte beruhigend auf den Barden ein, griff nach einem der drei Fläschchen, welches in dem Schultergurt verankert war, der auf dem Tisch lag, öffnete es und gab es Rittersporn zu Trinken.
„Das ist gegen die Schmerzen, die du sicherlich immer noch spürst. Du verfügst nicht über meine mentalen Kräfte, um den Schmerz auf Dauer ausblenden zu können. Ich kann nur hoffen, dass dieser Zustand nicht permanent ist, denn ich habe nur einen begrenzten Vorrat an diesem Mittel.“
Mit einem leichten Schaudern zwang sich der Barde, seinen Blick auf das Gesicht zu richten, das sich ihm direkt gegenüber befand. Er hatte noch nie in seinem Leben die Möglichkeit gehabt, sein eigenes Gesicht so deutlich vor Augen zu haben, auch wenn es jetzt Geralts mutierte Augen waren, mit denen er dies tat. Die Spiegel aus polierter Bronze oder purem Silber, die er bislang ab und an in die Hände bekommen hatte, zeigten nur recht unvollkommen das, was er nun unverfälscht erblickte.
Eigentlich war er doch ein recht hübscher Kerl mit seinen dunklen Haaren mit dem Kastanienton, dem schmalen elfischen Gesicht, den schönen meerblauen Augen und dem neckischen Kinnbart, der sein Gesicht formvollendet abrundete.
Geralt erhob sich und reichte ihm eine Hand. Der Barde ergriff sie und ließ sich von seinem Freund auf die Beine helfen. Das Gesicht des Barden, der nun Geralt war, verzog sich vor Anstrengung zu einer Grimasse.
„Verdammt, ich wusste überhaupt nicht, wie schwer ich eigentlich bin“, fluchte er und wischte sich, mit einem der unzähligen Tücher, aus Rittersporns Taschen, das Gesicht ab.
Trotz des Schmerzmittels, das ihm der Hexer gegeben hatte, fühlte Rittersporn noch immer ein dumpfes, ziehendes Gefühl in dem Körper, der nicht sein eigener war. Der Schmerz war nicht vollkommen betäubt, sondern lauerte in den unterschiedlichsten Regionen dieses Körpers darauf, sich hin und wieder unangenehm in Erinnerung zu rufen. Vorsichtig streckte sich Rittersporn, dehnte die Gelenke, strich mit der Hand über die Narben auf der Brust und den Armen, bis hin zum Bund der Hose, den er kurz lupfte.
„Heilige Scheiße, Geralt! Kein Wunder, das du jedes Weib von hier bis nach Nilfgaard ins Bett bekommst. Mit der Ausstattung könnte ich das Singen sofort sein lassen...“
Geralt rümpfte die Nase.
„Na, dann wünsche ich dir viel Glück auf der Pirsch, Barde. Nicht jede Frau ist scharf darauf, mit einem Hexer, einer Missgeburt, ins Bett zu gehen. Da hast du es doch viel bequemer. Du klimperst ein wenig auf deiner Laute herum, versprühst ein wenig Herzschmerz und Kitsch und die Frauen, gleich welchen Standes, liegen dir zu Füßen wie reife Früchtchen, die du nur aufzusammeln brauchst.“
Verwirrt und ein klein wenig beschämt blickte der Barde zu Boden, wobei ihm Geralts milchweißen Haare wie ein Vorhang vor das Gesicht fielen.
„Komm, lass mich das machen!“
Sanft glitten Geralts Hände durch die weiße Pracht, schoben das Haar nach hinten in den Nacken und fixierten es dort mit zwei Haarnadeln und einem Band, das einen Teil des so gebändigten Haares in die Form eines straff geschnürten Zopfes zwang, der vom Kopf ab stand.
„Es scheint gar so, als ob wir beide ein wenig den anderen um sein Leben beneidet hätten“, murmelte Rittersporn leise,“ der eine, weil ihm das andere Leben, das er nur aus Balladen kannte, aufregender und spannender erschien, als das eigene, und der andere, weil sein Freund ein ruhiges und einigermaßen normales Leben sein eigen nannte, das er selbst nie würde führen können. Ist das der Grund, warum der Zauber bei uns gewirkt hat?“
„Ich weiß es nicht, Rittersporn. Ich glaube nicht, dass dieser Zauber ursprünglich für uns gedacht war. Eher für Leo und einen seiner beiden Sprösslinge. Oder nur für Fiona und Ranold. Wer weiß? Zumindest ist sicher, dass derjenige, der ihn hier in dieser Kammer zurück ließ, eine seltsame Art von Humor hat.“
„Nun, wer immer das auch gewesen sein mag, ich hoffe doch, dass mit ein wenig Glück dieser Zauber zeitlich begrenzt ist, so dass wir unsere eigene Gestalt wieder haben, bevor...“
Der Barde verstummte und erbleichte, was allerdings, aufgrund der ohnehin blassen Gesichtsfarbe des Hexers, nicht weiter auffiel.
„Bevor was, Rittersporn?“
„Der Wettstreit, Geralt, der Wettstreit!“
Nun dämmerte es auch dem Hexer. Der Wettstreit hatte doch am Abend ihres Ankunftstages beginnen sollen, doch dem Stand der Sonne zu urteilen, war, bereits während ihrer gemeinsamen Bewusstlosigkeit, eine ganze Nacht vergangen. Rittersporn lief im Kreis. Ein ungewohnter Anblick für Geralt, der, seines Wissens noch nie in seinem Leben dergleichen lächerlich wirkende Bewegungen vollführt hatte. Dass Rittersporn zusätzlich noch aufgeregt mit den Händen in der Luft herumfuchtelte wie ein Flatterer auf Fisstech, machte die Sache nicht gerade besser. Er sah aus wie einer dieser halbseidenen Jünglinge, die in den verschwiegenen Ecken von Wyzima, ihren seltsamen Neigungen nachgingen und sie unverhohlen jedem interessierten gegen harte Orens anboten. Zweifellos hätte er Rittersporn mit einem kräftigen Schlag auf den Boden der Tatsachen zurückholen können, wenn er nicht in Sorge um den zarten Körper des Barden gewesen wäre, von dem er nicht wusste, wie viel Belastung dieser vertrug, bevor die ersten Knochen brachen.
„Ich verstehe“, sagte er stattdessen nur lapidar.
„Du verstehst? Du verstehst gar nichts, Geralt!“ Rittersporn griff nach Geralts schmalen Schultern und drückte sie, bis Geralt einen leisen Schmerzlaut von sich gab. „Verzeih mir, Geralt, ich hatte keine Ahnung, welche Kräfte du Tag für Tag bändigen musst. Ich sorge mich nur um den Wettstreit. Denk doch daran, dass ich dort auftreten werde und du dort Schiedsrichter spielen sollst! Wie soll das gehen? Ich hab dich noch nie summen gehört, geschweige denn mit einem Lied auf den Lippen gesehen. Mein Ruf steht auf dem Spiel, verstehst du das?“
Geralt legte die Stirn in Furchen.
„Lass das sofort!“
„Was?“
„Leg die Stirn nicht so in Falten, sonst bleibt die so. Ich will meinen Körper in einem tadellosen Zustand zurück. Keine Falten!“
Geralt lachte schallend. Dann klopfte es an der Tür.
„Meister Rittersporn? Seid ihr da?“
Der Barde öffnete bereits den Mund, als ihn Geralt mit einer Geste zum Schweigen brachte.
„Ja, ich bin hier. Was gibt es?“ antwortete er an seiner Stelle.
„Ich hoffe, ich habe Euch nicht geweckt“, erklang die jugendliche Stimme – wahrscheinlich handelte es sich um Ranold - hinter der Tür, “ich wollte Euch nur Bescheid geben, dass der Wettbewerb in etwa einer Stunde beginnen wird. Unten im Schankraum gibt es Frühstück und Kafwe für alle...“
„Danke für die Information! Wir werden rechtzeitig da sein“, flötete Geralt und fing sich dafür einen bösen Blick aus gelb-schwarzen Augen ein.
„Was zum Teufel ist Kafwe?“
Rittersporn gähnte.
„Das ist ein anregendes Getränk aus gerösteten Bohnen einer Pflanze, die weit außerhalb der Grenzen Temeriens gedeiht. Richtig aussprechen tut man es übrigens Kaffee. Ich durfte schon einige Tassen davon kosten, als ich vor einem Jahr einer gutbetuchten Gräfin, auf meiner Laute, aufspielen durfte...“
„Den Rest kann ich mir schon denken“, knurrte Geralt, doch mit Rittersporns Stimmbändern klang es längst nicht so bedrohlich, wie er es gewohnt war.
„Was sollen wir jetzt nur machen? So können wir doch nicht runter in den Schankraum gehen! Wie stellst du dir das vor?“
„Uns wird wohl nichts anderes übrig bleiben, Barde!“ Geralt griff nach seinem Leinenhemd und dem Wams und warf Rittersporn beides zu.
„Zieh dich an, Rittersporn. Wir werden beide nach unten gehen und unsere Rollen so gut es geht spielen“, er schnüffelte kurz an Rittersporns Achsel und entschied sich spontan, die morgendliche Toilette des Barden einmal ausfallen zu lassen. Der Barde roch noch wie ein ganzer Veilchenhain. Das sollte für heute genügen.
„Es wird wohl auch besser sein, wenn ich dich ab jetzt mit Geralt anspreche und du mich mit deinem Namen. Es könnte sonst zu einiger Verwirrung führen.“
„Stell dir vor“, nörgelte Rittersporn unter dem Hemd, “zu diesem genialen Schluss war ich in Gedanken auch schon gekommen!“
„Werde nicht zickig, Geralt, und benimm dich gefälligst in meinem Körper. Das will heißen: keine unbedachten Bewegungen oder gedankenloses Mienenspiel. Sei einfach wie ich. Unnahbar, kühl in der Ausstrahlung und mit minimaler Mimik. Ich habe schließlich auch einen Ruf zu verlieren.“
Rittersporn knüpfte das Wams zu, schulterte den Trankriemen und verstaute ehrfürchtig die beiden Schwerter an ihren angestammten Platz.
„Wo wir gerade davon sprechen. Auch du solltest einiges bedenken, mein lieber Rittersporn. Geh nicht so breitbeinig wie ein Krieger. Denk dran, deine dicken Eier schaukeln jetzt in meiner Hose. Und lächle doch mal. Mit so einem sauertöpfischen Gesicht weiß doch die ganze Schar unten gleich, dass etwas nicht stimmt. Ja, so ist schon besser, aber der Gang könnte noch etwas geschmeidiger sein. Jetzt hast du gelenkige Hüften, dann nutze sie gefälligst auch... na also, geht doch!“
Eine gute halbe Stunde standen sie beisammen, gaben sich gegenseitig Tipps, kritisierten einander und waren, letztlich, mit dem Ergebnis nicht ganz unzufrieden, das sie in der kurzen Zeit zustande gebracht hatten.
„Es wird Zeit!“
Geralt nickte und lächelte sein allerbestes Rittersporn-Lächeln. Dem Barden in des Hexers Körper schauderte es noch leicht, doch er verzog keine Miene und ließ sich nichts anmerken.
„Was ist denn das?“ Geralt bückte sich und nahm den Umschlag vom Boden auf. „Der ist für dich...“
Rittersporn erkannte die Handschrift seines Bruders. Rasch brach er mit den riesigen Händen Geralts das Siegel und überflog den Inhalt des Briefes.
„Ich befürchte, Rittersporn“, sagte Rittersporn mit einem undefinierbarem Unterton in der Stimme,“ wir haben ein weiteres Problem.“
Das Lächeln auf Geralts Lippen erstarb.
„Was denn nun noch?“

(Dan)

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Witchers News, Jg. 3, Nr. 20 vom 01.12.2011, S. 25-29


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